Freitag, 23. Oktober 2015

[Gastbeitrag] Das Leben mit einem "speziellen Hund" - bereichender Frust oder frustrierende Bereicherung? ;-)

Speziell? seltsam? verstört? oder nur verhaltensoriginell? So ganz klar ist das oft nicht...weder bei Menschen, noch bei uns Hunden. Klar, sind wir doch genau wie ihr felllosen Primaten individuelle Lebewesen. Einige Halter betreiben ja einigen Aufwand, um ihren Hunden gewisse Verhaltensweisen abzugewöhnen oder abzutrainieren. Laufen von Hundeschule zu Hundeschule, verschleißen einen Trainer nach dem anderen...und wundern sich dann, dass der Hund danach häufig noch verwirrter ist... Vielleicht sollten sie ihr Fell-Familienmitglied einfach so nehmen wie es ist und sich damit arrangieren? Kann eventuell eine große Bereicherung sein... *ohrennachvorn*

Eine von diesen "speziellen Charakteren" ist Luna. Ihr habt sie und ihre 2-Beinerin Manuela ja bereits in meinem Blog kennen gelernt. Ich freu mich, dass sie dieses Mal beschreibt wie es so ist, mit einem "speziellen" Hund...




„So´n bisschen komisch ist der ja schon!“  


Ein Wort vorab: Ich oute mich. Ich habe einen etwas speziellen Hund. Den oben genannten Satz habe ich tatsächlich schon häufig gehört. Meine Hündin Luna ist ein Windhundmischling. Nicht Fisch und nicht Fleisch – welche Rassen bei ihr noch mitgespielt haben kann ich nur erahnen – aber der Windhundanteil ist doch recht hoch. 

© Foto: Manuela Mentel

Ich wurde gebeten einen Beitrag zu schreiben, wie das Leben mit einem „speziellen Hund“ so ist. Ich für meinen Teil empfinde jede Hunderasse als „speziell“, weil eben jede für einen besonderen Zweck gedacht ist (oder zumindest war) , aber gut. Mach ich das halt mal. ;-)

Luna also. Ich nenne sie auch gerne den Diskutier-Hund. Wenn Luna sprechen könnte wie wir Zweibeiner, dann wäre sicher jedes zweite Wort „Warum?“ Sie hinterfragt. Immer. Die macht nichts einfach so, weil sie mir gefallen will. Den zahlreichen Hundebüchern, Forenbeiträgen und Internetseiten zufolge, die ich seit Lunas Einzug konsultiert habe ist dieser Wesenszug für Windhunde nicht unbedingt ungewöhnlich. Trotzdem glaube ich, dass es nicht an der Rassenmischung alleine liegt. Ich denke, dass etliche Hunde so gestrickt sind, völlig egal ob die nun – so wie Luna – wie ein Flokati auf Stelzen aussehen oder nicht. Darum soll es aber auch nicht gehen. 


© Foto: Manuela Mentel

Tja. Wie ist das nun mit „so einem“ Hund?

Zuallererst: Frustrierend. Als Luna einzog, hatte ich den Kopf voll von Bildern, die direkt aus einer beliebigen Werbung oder einem Kitschfilm hätten stammen können. Man kennt das. Traute Zweisamkeit. Kuscheln mit dem Hund vorm Kamin. Gemeinsam über eine Blumenwiese hüpfen. Bei jedem gehauchten „Hier!“ kommt das Tier mit strahlenden Augen angerannt. Man könnte ja auch mal Agility ausprobieren. Oder Dogdancing. Oder oder oder.... Und natürlich wird der Hund mit Begeisterung mitmachen!

Ja.... Und dann kam Luna. Und jeder einzelne Traum fiel auf die Schnauze, schlitterte Unterkiefer voran über Glatteis und blieb ohnmächtig liegen. Luna hatte nicht nur mehr Baustellen als eine durchschnittliche Autobahn, die fand Teamwork an sich komplett überflüssig. Menschen auch. Und auch sonst überhaupt alles, seien es nun Artgenossen, Fahrzeuge, Geräusche, unbelebte Gegenstände aller Art oder die Wohnungseinrichtung. Alles doof, fand Luna. 


© Foto: Manuela Mentel

Zu sagen dass ich unzufrieden war wäre untertrieben. Das war nicht das, was ich mir vorgestellt hatte. Nicht nur, dass jeder Spaziergang mehr oder weniger stressig war, weil Luna mich nullkommagarnicht beachtete und einfach alles kacke fand – nein, da waren ja auch noch die anderen Menschen, die offenbar die selben Bilder im Kopf hatten, was die Hundehaltung angeht und mir ständig ihre Meinung mitteilten. Mein Hund sei aggressiv, sagten sie. Gestört und nervig. Und ich sei unfähig. Müsse mal ordentlich zeigen wer der Chef ist. Oder in eine Hundeschule gehen, weil das Tier ja nicht hört.

Hundeschule? Gute Idee! Habe ich gemacht. Es war eine gute Hundeschule, die Methoden finde ich bis heute toll. Nur war das eben nichts für Luna – zumindest denke ich das heute. Wir haben Clickertraining versucht und die Belohnung per Leberwursttube. Die Theorie verstand sie schnell, nur war es ihr in der Praxis eben leider relativ egal. Ja, sie wusste, dass bei einem „Click“ ein Keks folgte. Schöne Sache, wenn das in geschützter Umgebung passiert, im Ernstfall traf sie ihre Entscheidungen aber lieber selber, und ich war wie so oft nur der Bremsklotz am anderen Ende der Leine. 


© Foto: Manuela Mentel

Das ist jetzt fast sechs Jahre her. In der Hundeschule waren wir nicht lange und in unserem gemeinsamen Leben hat sich seither viel getan, trotzdem ist Luna im Laufe der Zeit anders geworden – so sagen die Menschen, die sie von Anfang an kannten (und ich sage das natürlich auch).

Ist das so? Ist Luna wirklich „anders“? Natürlich ist sie das. Sie ist nicht mehr die geballten 18 Kilo Panik, die sie am Anfang war. Sie kann mittlerweile sogar „Hier!“. Manchmal zumindest. Wer sich aber wirklich verändert hat bin ich.

Also, noch einmal die Frage: Wie ist das mit „so einem“ Hund?

Heute sage ich: Eine Bereicherung. Ich habe mich gelöst von diesen Bildern, denen mein Hund nie gerecht werden konnte. Nein, Luna ist nicht Lassie. Fiele ich in einen Brunnen, dann würde sie wohl die Gelegenheit nutzen und ungestört auf Tour gehen. Nein, Luna wird nie Agility oder Dogdancing machen, und wo mein Clicker ist könnte ich nicht sagen, auch wenn mein Leben davon abhinge. Nein, mit Luna könnte ich immer noch keine Begleithundeprüfung ablegen. Und ja, Luna kann immer noch besser diskutieren als jeder Talkshowgast.

Aber.... Aber!

Lässt man unrealistische Träume los, dann bekommt man eine Realität, die vielleicht gar nicht so schlecht ist. Irgendwann konnte ich Luna als die Persönlichkeit sehen, die sie ist. Und – oh ja! - das ist sie (so wie jeder Hund eine Persönlichkeit ist). Eine Person, ein Charakterkopf.

Sie ist jemand, der immer fragt „Warum?“ Und das ist auch gut so, denn darum weiß ich, dass sie Dinge macht, weil sie mir vertraut – auch wenn das ein weiter Weg war.

Ich habe von vielen Dingen Abstand genommen. Mein Hund kann bis heute kein „Platz!“ , denn wir haben es nie gebraucht. Apportieren hält sie für ausgemachten Quatsch. Suchspiele sind maximal fünf Minuten lang lustig.

Heute denke ich, dass das Tricks sind. Klar kann man die machen, wenn der Hund das gut findet. Luna brauchte aber keine Tricks. Luna brauchte Vertrauen. Und ja, auch Regeln, natürlich. Die habe ich ihr gegeben, und tatsächlich wird mir immer mal wieder gesagt, dass ich streng sei. Ich sehe es aber lieber so, dass ich mindestens genauso gerne diskutiere wie mein Hund. Aber Luna brauchte auch und zuallererst Verständnis. Es hat eine Weile gedauert, aber ich habe es verstanden.
 

© Foto: Manuela Mentel

Manchmal werden wir immer noch beschimpft oder belächelt, weil mein Hund eben nicht Lassie ist. Dann bin ich wütend. Atme tief durch. Denke an den Weg, den wir gemeinsam beschritten haben. Gehe weiter. Und Luna, die im nächsten März zehn Jahre alt wird grinst mich an und läuft an meiner Seite weiter. Dann rufe ich irgendwann vielleicht sogar mal „Hier!“, und Luna kommt angerannt. Mit strahlenden Augen und breitem Lächeln.

„So´n bisschen komisch ist der ja schon!“ - Ja. Und das ist gut so.


© Foto: Manuela Mentel


Ich kann das so gut nachfühlen...denn auch ich habe meinen eigenen Kopf und hinterfrage alles...ich glaub Luna, wir 2 können uns glücklich schätzen, solche 2-Beiner zu haben, die uns so nehmen wie wir sind...auch wenn sie manchmal komisch sind, aber sie stammen halt von Affen ab *schwanzwedel* Vielen Dank für euren tollen offenen Beitrag! <3


Kommentare:

  1. Ein wirklich sehr schöner Beitrag. Wie gut, dass uns die Hunde doch immer wieder die Augen öffnen für das wirklich Wichtige -- und sind nicht die Tricks oder die guten Leistungen im Hundesport ;-)
    Liebe Grüße
    Lizzy und das Indianermädchen

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    1. Vollkommen richtig! Ich hab manchmal den Eindruck, dass die Gepflogenheiten der Leistungsgesellschaft auch langsam in die Hundewelt einziehen... Und da die Rasse oft nicht reicht zum repräsentieren, müssen die Hunde halt irgendwelche Pokale gewinnen... Irgendwie erinnert mich das an über-ehrgeizige Eltern die ihre Kinder antreiben...

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  2. Ich habe selber 6 Hunde aus dem Tierschutz adoptiert und kann dir nur beipflichten. Jeder Hund hat seine eigene Persönlichkeit und die muss man respektieren und annehmen, dann hat man eine glückliche Mensch-Hund Beziehung.
    Diese Gleichmacherei durch strenge Erziehungsregeln sind nichts was einen Hund glücklich sein lässt. Meine kennen die wichtigsten Regeln, ansonsten dürfen sie Hund sein.
    Dafür lieben mich meine Hunde, was sie mir jeden Tag auf's neue zeigen. Ich liebe meine Schätze genauso wie sie sind. Wem das nicht passt kann gerne weiterhin sein Leben mit seiben Ansichten leben, aber er verpasst etwas ganz großes. Nämlich die bedingungslose Liebe und Treue eines glücklichen Hundes und das Glück die Lebensfreude dieser Hunde zu erleben. Für mich sind sie eine riesige Bereicherung in meinem Leben.
    Vielen Dank liebe Manuela für deinen tollen Beitrag. Ich kann dir nur zustimmen und verstehe sehr genau wie du dich gefühlt haben musst am Anfang und wie du jetzt fühlst.
    Ich wünsche dir von Herzen noch viele schöne Jahre mit deinem Goldschatz.

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