Mittwoch, 8. Juni 2016

Unsicherheit ist der denkbar schlechteste Grund sich einen Hund anzuschaffen

Das riecht aber komisch...den kenne ich nicht...gefressen hat er Fertigfutter...und offenbar hält er sich für ganz toll... Woher ich das weiß? Na seine "Nachricht" war ja deutlich genug und wir Hunde können ja auch Stimmungen riechen. Aber vielleicht ist es ja nur ein "Besuchshund", wie ich sie gerne nenne. Davon begegnen uns ja immer wieder welche, eben Hunde, die mit ihren Haltern in die Altstadt kommen...zum Spazieren, zum Shoppen oder auch nur ein Getränk in einen der zahlreichen Bars und Cafés zu sich zu nehmen. Aber halt, nur ein paar Meter weiter, wieder einer seiner P-Mails... Also markiert er hier sein Revier! Kein Besuchshund. *brummm*

Der Geruch ist neu... *schwanzwedel*

Und dann sah ich ihn auch schon. Den Schäferhund, von dem euch ja mein 2-Beiner in seiner Kolumne in der WUFF berichtet hat. Der Schäfi versucht gleich mir zu imponieren. *brummmm* Steif steht er da. Fixiert mich. Na gut, Alter, DAS kann ich auch: Ich also etwas steifer, mit gestreckten Beinen und erhobenem Kopf. Weiter kam ich nicht, denn schon beim Sträuben der ersten 10 Nackenhaare begann der Schäfi zu bellen. *grrrr*

Ich hörte noch das "NEIN!" meines 2-Beiners, aber da sich der Schäfi in die Leine warf, sprang ich während mein 2-Beiner das Wort aussprach auch nach vorn und wuffte mal zurück. *grrrrwoaffwoaff* Die Halterin hatte sichtlich Mühe ihren Schäferhund zu halten. Sie wog ja selber kaum mehr als ihr Hund...nach menschlichen Maßstäben war sie wohl attraktiv, aber nicht so mein Geschmack (auch nicht so der meines 2-Beiners)...voll der Hungerhaken... Irgendwie erinnerte sie mich an Olivia aus den Popey-Zeichentrickfilmen (woher ich die kenne? Na mein Oller hat 'ne kleine Schwäche für so alte Zeichentrickfilme aus seiner Kindheit ;-) ). Entsprechend sprang ihr Hund auch mit ihr um - er interessierte sich gar nicht für den störenden und keifenden Bremsklotz am anderen Ende der Leine.

Wir trafen sie noch öfter, die Situation war immer ähnlich. Und so gewöhnte sie sich an, uns aus dem Weg zu gehen, wenn sie uns von Weitem sah. Bei anderen Hunden machte sie es auch so. Wie da - ohne Kontakt zu anderen Hunden - eine vernünftige Sozialisation stattfinden soll, kann wohl nur mit höchster Uncanilogik erklärt werden... *frechschau*

Aber auch andere neue Hunde in meinem Revier kamen hinzu. Die Mehrheit davon waren größere Kaliber - jedenfalls alle so über 25 Kilo. Ein Rotti, ein Dogo Argentino, eine Ridgeback-Dame und so mancher Mischling. Eigentlich 'ne gute Sache: So hab ich Spielkameraden in meiner Gewichtsklasse. Und dass mein menschliches Cerebral-Interface zwar alle Hunde mag, aber eine Schwäche für die größeren hat, ist ja offensichtlich. ;-) *schwanzwedel* Soweit die Theorie... Aber eine Aussage von einer Bekannten aus dem Viertel machte ihn recht stutzig: Sie hatte sich ihren größeren Hund auch "zur Sicherheit" angeschafft... *brummm*

Ihre Unsicherheit hatte ich sogleich erschnüffelt - das können wir Hunde nämlich. Und nun soll der Hund ihr die geben? *brummmschüttel* Dann erzählt sie noch, dass sie deswegen ihn zum Schutzhund trainieren will. Auweia... Und überhaupt, was hat das mit Partnerschaft und Freundschaft zu tun? Oder schickt ihr eure menschlichen Freunde auch vor, um euch zu beschützen? Ich glaub ich muss euch mal aufklären: Ihr müsst uns Hunde gar nicht zum Angriff treiben, uns "scharf machen" wie viele 2-Beiner es nennen. Also wirklich, ihr felllosen Primaten, reicht es nicht schon, was wir alles für euch sind? Müssen wir jetzt der Bodyguard für euch sein? Ich verrate euch mal was: Das sind wir Hunde sowieso! Wir würden euch bis aufs Blut verteidigen! Schließlich seid ihr das Zentrum unseres Universums! *jawohlwoaffwedel*

Ich will hier gar nicht auf die rechtliche Situation und die Konsequenzen eingehen. Das hat mein Cerebral-Interface Maximilian ja bereits in unserer Kolumne in der WUFF angesprochen. Ebenso auch, dass jeder Halter seinen Hund besser zurückhalten sollte. (Mein 2-Beiner beispielsweise sagt immer: "Besser ich bekomme Ärger, als mein Hund. Mich schläfert keiner ein.") Und zwar nicht nur aus juristischen Gründen! Genau dieser Punkt ist mir als Hund natürlich wichtig: Ihr seid unsere Partner! Ihr führt uns durch die zivilisierte Welt! Und als gute "Rudelführer" oder meinetwegen auch "Familienoberhaupt" (für all die, die ein ideologisches Problemchen mit dem Wort Rudelführung haben), ist es eure Pflicht UNS Hunden Sicherheit und Geborgenheit zu geben! Sich aus Unsicherheit einen Hund zu holen ist ein denkbar suboptimaler Grund! (Okay, es gibt wohl Ausnahmen: so hörten wir von Hunden für Kriegsveteranen in den USA, aber die sind dann auch speziell ausgebildet dafür.) Schon weil wir Hunde eure Stimmungen erschnüffeln und somit auch eure Unsicherheit wahrnehmen können. Wir erinnern uns noch an so 'ne skurrile Bekanntschaft, die war auch immer so ein Nervenbündel und ihre Hunde entsprechend angespannt (die Halterin gab natürlich den Hunden die Schuld) - kaum führte mein 2-Beiner die Hunde, beruhigten sie sich schnell (auch dafür gab sie ihnen die Schuld). Und fix überträgt sich diese Unsicherheit auf uns Hunde. Sowas nennen die Wissenschaftler unter euch felllosen Primaten dann Stimmungsübertragung.

Ich vertrau dir Partner!

Und was dieses Schutzhund-Training angeht. Das solltet ihr euch gaaaaanz genau überlegen. Vor allem solltet ihr euch vor schwarzen Schafen, die es nur auf das Geld abgesehen haben, hüten! Aber selbst wenn ihr an einen der wenigen seriösen (und auch menschlich erträglichen) Schutzhund-Trainern geratet, solltet ihr euch das gut überlegen. Nicht nur, weil in vielen Vereinen noch veraltete Methoden trainiert werden, die teils gegen das Tierschutzgesetz verstoßen. Sondern auch, weil so ein Training schon heftig und der körperliche Verschleiß enorm ist! Wir haben Hunde gesehen, deren Zähne durch das ständige Training am Beißarm völlig abgewetzt waren - im Alter von nichtmal 6 Jahren. Oder auch Verletzungen an der Wirbelsäule sind nicht selten durch das Herumwirbeln. Würdet ihr sowas auch mit euren menschlichen Familienangehörigen machen, damit sie euch dann im Ernstfall beschützen können? Wenn ihr schon irgendwelche Kampfübungen machen müsst, dann lieber so wie der Hund aus einer der Zeichentrick-Serien (heute sagt man Anime dazu, aber ich nehme mal das antiquierte Wort - meinem Cerebral-Interface zu Liebe) aus Maximilians Kindheit: Hong Kong Pfui. *schwanzwedelfreu*


 
Wir trafen die Schäfi-Halterin übrigens auch einmal ohne ihren Hund. Da sprach mein 2-Beiner sie drauf an. "Den habe ich Zuhause gelassen, da ich einkaufen gehen will und dann nur eine Hand frei habe", sagte sie. Auf den "dezenten" Hinweis meines Cerebral-Interfaces, dass sie ihn ja auch mit beiden Händen nicht wirklich unter Kontrolle hat und warum sie sich so einen Hund angeschafft habe, antwortete sie: "Na, weil der mich beschützen soll." Und als mein 2-Beiner sein übertriebenes Unschuldgesicht aufsetzte, ahnte ich schon was kommt (ich kenn doch meinen felllosen Primaten): "Mal 'ne rhetorische Denksport-Frage: Und wer beschützt den Hund vor Ihnen und ihrer Unsicherheit?"


PS: Dies ist der ergänzende Beitrag zu unserer Kolumne in WUFF - Das Hundemagazin (07+08/2016) "Partner oder Bodyguard? - Der falsch verstandene Beschützer"



Kommentare:

  1. Klasse Beitrag und so witzig auch, kannte deine Seite noch garnicht, aber jetzt bin ich ja drauf gestossen! Ich gehöre ja auch zu den Großhundehalterinnen. Allerdings würden meine mich wohl mit charaktertypischen Abschleckattacken vor dem potentiellen "Angreifer" verteidigen. Leider muss ich mit meinen 1,60m öfter mal die beiden sichern. Vor 1,90 m großen "Rudelführern" mit Prestigegründen im Hinterkopf und Hunden an der Leine, die den Prollgedanken offenbar auch durch Stimmungsübertragung aufgreifen. Das mit den Schutzhunden ist natürlich echt schlimm. Hoffen wir, dass es kein Trend wird.
    LG Danni

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    1. Hey Danni, freut mich, dass dir unser Blog gefällt! Ja, solche "Prestigehalter" sind schon traurig...vor allem für die Hunde. Und was das Thema Schutzhund angeht, befürchte ich, dass es bereits seit Anfang des Jahres ein Trend ist...

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  2. Toller und witzig geschriebener Beitrag! :-)

    Leider ist das mit den Schäfis hier aus den genannten Gründen üblich :-( Sie sollen beschützen und die meisten Halter sind so wie die von euch beschriebene Halterin :-(

    Timmy und ich haben mittlerweile gelernt, dass er mich genauso beschützt wie ich ihn.

    Liebe Grüße von uns!

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    1. Dass Hunde ihre Halter beschützen ist ja auch völlig normal, das schrieb ich ja auch in dem beitrag. Aber eine Schutzhundausbildung machen, nur weil man sich "unsicher" fühlt und den Hund quasi als Waffenersatz haben will, noch dazu arbeitet so ein Hund ja anders als die Polizeihunde nicht tagtäglich mit dem Erlernten, kann es also nicht "ausleben"...denke das ist so ziemlich die ungünstigste Kombi, wenn dann noch ein unseriöser Trainer dazu kommt...auweia...

      So wie bei euch sollte es auch sein in einer Partnerschaft! Sich gegenseitig beschützen!

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  3. Echt gut geschrieben, sowohl bei WUFF, wie auch hier!
    Leider kann ich den Trend seit Anfang diesen Jahres nur bestätigen.
    Viele Hundeausbilder sind auf den Zug der allgemeinen Verunsicherung aufgesprungen und verdienen jetzt gut Geld mit der Ausbildung zum sog. "Schutzhund"
    Mit Slogans wie z. B. "Wir machen Ihren Haushund in 5 Tagen zum Schutzhund :-(
    So was kann nur derbe in die Hose gehen!
    Viele Grüße
    Mona

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