Mittwoch, 29. Juli 2015

"Hunde-Schweiz" der Methoden - Fragen aus den verschiedenen Denkrichtungen

Was für eine Resonanz! Als ich vor einiger Zeit die verschiedenen Lager des Hundetrainings zum Dialog aufrief und den Blog quasi als "Hunde-Schweiz-Diskussionsplattform" anbot, waren die Reaktionen überwältigend. Aus allen Arten und Denkrichtungen des Hundetrainings kamen Glückwünsche und Fragen. Offenbar hab ich da in ein Wespennest gestochen ;-)

Uiiii, ganz schön ernstes Thema... ;-)
© Foto: Antje Hachmann

Verständlich, hat der Streit um die richtige Erziehungsmethode doch mittlerweile mehr als skurrile Züge angenommen - oft auch über die Grenzen des Anstands und der Vernunft hinaus. So manches mal war das Verhalten einiger sogar recht asozial und dumm. So begegnete uns auch ein Fall mehrmals, wo eine Hundeschule die Konkurrenz offensichtlich so sehr fürchtet, dass sie das Diffamieren und Lästern sogar zum offiziellen 2. Job gemacht hat - jedenfalls liest sich so die Beschreibung auf den eigenen Webseiten. Da wird sogar voller Stolz darauf hingewiesen, dass es "zu viele Hundeschulen" gäbe...klar, VW wäre auch gern der einzige Autobauer der Welt ;-) 

Offenbar hat das Geschäftsmodell des Lästerns aber nicht gefruchtet, denn der Trainingsplatz musste mittlerweile verkauft werden... Tja, das Diffamieren in den (a)sozialen Netzwerken kostet Zeit, dann kann sich ein Trainer nicht um Übungsstunden, Kunden oder um seine Fortbildung kümmern :-) In der Hundszene kursiert wohl auch daher das Gerücht, dass der eigene Ehemann die Frau nicht ernst nimmt - einige böse Zungen behaupten gar, er gäbe seiner Frau immer recht, damit er seine Ruhe hat und sie nichts von seiner Affaire erfährt... Mittlerweile scheint diese Hundeschule auch gemerkt zu haben, dass das nicht so ne gute Idee war: sie hat jedenfalls nun eine neue Webseite mit neuem Namen (und dieses Mal hat man sich die "Läster-Seite" gespart).

Komische Sachen macht ihr Nacktnasen :-)
© Foto: Antje Hachmann

Dies soll nur ein Beispiel sein, wie sich manche aus der Hundeszene verhalten und was so abgeht. Mir sind solche Gerüchte echt Schnuppe, aber eines weiß ich: Ich will meinen Hund nicht in die Hände eines Trainers geben, der seine Qualifikation daraus zieht, über andere herzuziehen. Nicht umsonst heißt es: "Wer andere schlecht machen muss, um selber besser dazustehen, beweist anschaulich, dass in seinem Leben einiges schief läuft."

Egal wie groß die Unterschiede auch sind, wir Hunde können trotzdem nett zueinander sein.
Das könnt ihr Menschen doch sicher auch?
© Foto: Antje Hachmann

Bei so einem Verhalten und Gerüchteküche kann ich verstehen, dass keiner der Hundetrainer und Hundeschulen, die mir Fragen schickte, namentlich genannt werden will.

Achso, ein Versprechen aus meinem Aufruf muss ich leider (etwas) brechen... Ich rief ja auf, Fragen ohne Beleidigungen, Diffamierungen und Provokationen zu schicken. Nun, was die beiden ersten Punkte angeht, so konnten sich die Meisten auch beherrschen...was den letzten Punkt angeht, nun, beim Zusammenfassen von ähnlichen Fragen ist mir aufgefallen, so ganz ohne Provokation geht es auch gar nicht...schon weil man voneinander unterschiedliche "Images" (um es mal nicht Vorurteile zu nennen) hat. Daher findet ihr doch einige provokante Fragen; bitte beantwortet sie dennoch sachlich...denn es sind keine böswilligen Provokationen, sondern kommt eher aus Unwissenheit (wäre es böswillig, hätten die Fragensteller diese wohl kaum an mich geschickt, das alleine zeigt schon, dass sie ihre Unwissenheit selber sehen und das Loch stopfen wollen). 



a) Fragen aus dem Lager "gewaltfrei und rein positiv verstärkend"
1) Warum tut ihr Hunden Gewalt an?
2) Warum wollt ihr eure Hunde dominieren?
3) Ist euch bewusst, welche langfristigen Folgen "Schreckreize" auf Hunde haben können? bis hin zu verunsicherten, oder gar ängstlichen Hunden, die auch mal zuschnappen?
4) Warum ignoriert ihr wissenschaftliche Ergebnisse, die die Vorteile der positiven Verstärkung hervorheben? 


b) Fragen aus der "aversive Methoden" Fraktion
1) Wenn ihr nur gewünschtes Verhalten bestärkt, wie bringt ihr dann eurem Hund bei etwas zu unterlassen?
2) Warum stellt ihr "taktile Reize", wie sie Hunde auch unter sich benutzen, als Gewalt dar?
3) Warum verschweigt ihr wissenschaftliche internationale Studien, die festgestellt haben, dass die rein positive Verstärkung ebenfalls zu Verhaltensstörungen führen kann?
4) Ist nicht das Ausbleiben eines positiven Signales auch Strafe für den Hund und setzt ihn somit unter Stress? also genau das, was durch die rein positive Verstärkung doch verhindert werden soll?

c) Fragen der "Konditionierer"
1) Was habt ihr gegen Konditionierung? Im Prinzip funktioniert auch unser Schulsystem danach und im Sport wird es seit Ewigkeiten eingesetzt.
2) Steckt in dem Wunsch, den Hund zu erziehen, statt ihn zu konditionieren, nicht auch die (unbewusste) Vermenschlichung des Tieres?

d) Fragen der "Erzieher"
1) Führt das Konditionieren nicht zu "funktionierenden Hunden", die nach einem Reiz-Reflex-Schema agieren? sie also zu "Aparatschiks" degradieren?
2) Warum kommuniziert ihr nicht mit den Hunden, statt sie zu konditionieren?



So und nun bin ich mal auf die Antworten gespannt...

Ich auch! *schwanzwedel*

Ruhe Rico, das ist jetzt ein ernstes Thema. Würde mich daher freuen, wenn ein paar unter euch den Mut aufbringen in den Kommentaren auf die Fragen nicht anonym zu antworten - kann es aber nach dem bisher gehörten durchaus verstehen. Bitte gebt den Buchstaben und die Zahl der Frage an, auf die ihr euch jeweils bezieht. Und denkt daran, jeder der mitmacht beweist schon alleine damit ein gewisses Maß an Toleranz, Lernbereitschaft und Neugierde auf die "andere Perspektive", entsprechend respektvoll und höflich sollte daher der Umgangston sein - egal welcher (Hunde)Denkschule man auch angehört!
 
Für ein besseres Miteinander...von Fell- und Nacktnasen!
© Foto: Antje Hachmann

PS: Die Einteilung und deren Bezeichnungen sind auf meinen Mist gewachsen! Ist stark vereinfacht, ich weiß! Aber erstaunlicherweise ist ein persönliches Ergebnis aus den Gesprächen und Mailwechseln, dass die Grenzen zwischen den Fraktionen fließend sind - ein Grund mehr, verhärtete Fronten aufzulösen! 

 

Kommentare:

  1. Teil1!

    Braucht es Mut um auf diese Fragen zu antworten, ich finde nicht unbedingt! Komme aus dem Lager der "Erzieher", Untersektion "Natural Dogmanship", und sage zu

    a1: Hier müßte man erst mal die Definition für Gewalt auf einen Nenner bringen damit wir vom selben reden. Ich wende nach meiner Definition keine Gewalt bei meinem Hund an. Ich gebe im einen Nackenstoß mit situativer Intensität bei rüpelhaften Verhalten (hier wäre die nächste Definition notwendig). Ein anknurren ist eine mittlere "Bestrafung". Bei leichteren "Verstößen" reicht ein ernstes Anschauen.
    Stöße und Rempler unter Hunde bei deren "Spiele" sind häufig vorkommend, wirkt also für einen Hund normal.

    a2: Da ich mich Hundeerziehungsberater nenne kann ich mit ruhigem Gewissen sagen, das diese Frage für mich nicht in Frage kommt.

    a3: Ganz richtig und daher wird so etwas bei mir nicht eingesetzt. Ich habe meinen Hund sogar auf Wurfketten und -schellen desensibilisiert. Wenn jemand so etwas neben meinen Hund wirft, wird das Wurfgeschoß wahrscheinlich apportiert ;-) Die Augen des Werfers mußt du dann mal sehen!!!

    a4: Da ich selber im naturwissenschaftlichen Bereich in der Forschung tätig bin, bin ich erst mal skeptisch vor "wissenschaftlichen Ergebnisse". Hier greife ich aber auch auf die Erfahrung in der Menschenerziehung zurück und sehe die Wirkung der verschiedenen Kindererziehungsmethoden.
    Ich vermenschliche den Hund nicht, für mich ist er ein sozialer Beutegreifer und wird mit der für den Hund arttypischen Beschäftigung durch sein/unser Leben geführt.

    b:
    Ich könnte wohl auch ein aversiver Typ sein, denn bei Frage 1, 2 und 3 bin ich ganz bei euch.
    b4: Nein. Mein Hund ist häufig intrinsisch motiviert etwas mit mir zu unternehmen. Ich biete ihm eine Auswahl an Möglichkeiten an und er entscheidet was wir machen. Verständnisserklärung, wie ich das meine: Ich biete dir ein Eis, Creme Brulee und eine Obstschale an und du darfst aussuchen, was es für UNS zum Nachtisch gibt.
    Und unter Sozialpartnern, hier Mensch/Hund, muß gemeinsamer Spaß nicht noch extra gelobt werden, wir geniessen ihn einfach. Wenn mein Hund eine A-Wand sieht, fragt er mich regelrecht: Darf ich mal?! Wenn er eine Schubkarre sieht, kommt die Frage: Soll ich reinspringen und du fährst mich etwas in der Gegend rum?! Und natürlich gibt es für die von meinem Hund selbst gewollten Aktionen kein Leckerchen, ich freue mich mit ihm, das er daran Spaß hat - ich motiviere gerne auch noch schwierigere Aufgaben zu erfüllen, so dass er über sich selber stolz ist, es geschafft zu haben.

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  2. Da nur 4096 Zeichen pro Kommentar, kommt hier Teil2:
    c1: Hier und da konditioniere ich auch. Ich bin mir dann aber auch im Klaren was ich da mache, weil konditionieren ist für mich sehr ähnlich wie dressieren.
    Als Kind hat mich der Pudel und der Löwe im Zirkus imponiert, oder besser gesagt der Mensch, der die Tiere so agieren lassen konnte. Heute habe ich eine ganz andere Einstellung dazu. Wie traurig anzusehen (Ich gehe seit Jahren in keinen Tierzirkus mehr) wie der Löwe unter peitschenschwingen von einem Podest auf den nächsten springt - wofür?
    Richtig, unser Schulsystem ist arg ähnlich und ich stehe dem auch sehr gespalten gegenüber. In meinem Hauptberuf habe ich Azibis einzustellen und dabei entscheidet nicht die "höherwertige Schule" und die bessere Note- das Gesamtbild wird rangeholt.

    Zu dem eigenen Lager noch ein paar Worte:
    d1: Ich mag und akzeptiere meinen Hund mit seinem Individuum. Ich wollte ein Therapiehund daraus machen und ich bin schon im Welpenalter von meinem Hund gefragt worden: Das willst du mit mir machen, komm, denk noch mal drüber nach! Habe ich gemacht und es sein gelassen.

    d2: Die Kommunikation geht auch in die andere Richtung, will sagen: Mein Hund redet auch mit mir. Beschäftigungswahl, 2h Rrestaurantbesuch und ein entsprechender Augenaufschlag sagt: Ich muß mal Pipi!
    Ich werde häfig von meinem Umfeld gefragt:, "Und das hat dein Hund dir jetzt gesagt?"

    Bleiben wir auf dem Teppich, ich verstehe nicht jedes Wort von meinem Hund.

    Ich habe nichts gegen die andern Methoden, jeder so wie er es kann. Was mir aber immer wieder auffällt, das der gemeine Hundehalter den Hundeknigge nicht berücksichtig und das ist schon eine Anforderung, die ich an jede Hundeschule/Methode stelle. Wie ich dem freilaufenden Hund den Rückruf beibringe ist mir mit meinem daherkommenden, angeleinten Hund ein bisschen egal - es muß gemacht werden!!! Dieses Ziel kann eigentlich hinter jeder Methode stehen: Gegenseitige Rücksicht!

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  3. 1) Warum tut ihr Hunden Gewalt an?
    Gewalt ist für mich sinnlose Brutalität zur Befriedigung eigener perverser Interessen. Ich habe keinen Spaß an Gewalt. Ich habe auch keinen Spaß daran, mich mit einem Hund körperlich auseinanderzusetzen. 99 % der Hunde sind nett, bleiben auch bei fehlender Erziehung im Grunde nett und haben nicht die Absicht, Menschen zu verletzen oder zu töten. Es gibt aber Hunde, die ein so großes Potential mitbringen, die Spaß daran haben, zu expandieren und erst damit aufhören, wenn sie an Grenzen stoßen oder die durch Aggression bereits Erfolg hatten, bei denen ich keine Chance sehe, sie durch Click und Leckerli auf den richtigen Weg zu bringen. Die Härte der Korrektur bestimmt immer der Hund. Viele meiner Kollegen wissen und praktizieren das auch. Niemand traut sich mehr, auf seiner Webseite zu schreiben, dass man auch mal begrenzen muss. Wenn man die Kollegen anspricht, heißt es hinter vorgehaltener Hand, dass man mit Problemhunden genauso arbeitet wie früher auch. Positiv ist eine Marketinggeschichte, sonst bleiben die Leute weg. Wenn es dann schiefgeht, was bei Vielen bereits in der Welpenstunde absehbar ist, hat man gleich wieder Klientel für Einzelstunden (Ironie off). Wir sind uns alle sicher, dass in den nächsten 20 Jahren die Probleme mit Hunden zunehmen werden, die Gesellschaft nicht mehr tolerant gegenüber unerzogenen Hunden bleibt und die Harmoniebesessenheit kippen wird.
    2) Warum wollt ihr eure Hunde dominieren?
    Ich dominiere einen Hund nur, wenn ich etwas verändern muss. Wenn der Hund eine Gefahr darstellt, muss ich ihn soweit unterordnen, dass ich ihn in der Öffentlichkeit sicher führen kann. Niemand soll unter meinem Hobby Hundehaltung leiden. Nette Hunde muss ich nicht dominieren.
    3) Ist euch bewusst, welche langfristigen Folgen „Schreckreize“ auf Hunde haben können?
    Ich wende keine Schreckreize an.
    4) Warum ignoriert ihr wissenschaftliche Ergebnisse, die die Vorteile der positiven Verstärkung hervorheben?
    Ich kenne niemanden, der das ignoriert und der nur straft. Ich komme aus dem positiven Lager und habe im Sport erfolgreich rein positiv geführt. Ich verabscheue Sportler, die für den Erfolg Zwangsmaßnahmen anwenden, Sport ist eine Insel. Für den Bereich Grunderziehung bin ich heute anderer Meinung, da ich an den „richtigen“ Hund geraten bin, bei dem die eiteitei-Erziehung in einer Katastrophe geendet und wenigstens einem notleidenden Chirurgen Arbeit verschafft hat. Für mich ergibt Erziehung nur einen Sinn aus dem Gesamtbild erwünschtes Verhalten verstärken, unerwünschtes Verhalten begrenzen. Was ist so schlimm daran, einem Hund auch mal zu sagen „das geht nicht, da überspannst du den Bogen“? Und das möglichst schon im Welpenalter, bevor der Hund eine so starke Stellung hat. Ein fest abgesteckter Rahmen gibt Hunden schließlich auch Sicherheit. Noch nie gab es so viele Angsthunde wie heute – woran mag das liegen? Dann legt man den Hunden lieber ein Thunder shirt an, durch das sie Grenzen spüren.

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  4. Meine ausführlichen Antworten auf die Fragen der Positivtrainern würden heir den rahmen sprengen. Der interesseirte Leser findet sie unter http://www.trainer-schwierige-hunde.de/2015/07/brueckenbau-positivtrainer-fragen-naturtrainer-antworten.html.

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