Mittwoch, 21. Juli 2021

Das schlechte Image von Hundehaltern ist hausgemacht

Bald ist Urlaubszeit und viele nehmen ihre vierbeinigen Familienmitglieder mit. Doch leider benehmen sich einige Halter dermaßen daneben, dass so mancher Anbieter die Lust verliert. Auch wenn es nicht die Mehrheit sein mag, so werfen genau diese Halter ein schlechtes Licht auf alle.

Der „gemeine Hundehalter“ hat ja nicht gerade das beste Image. Vieles davon ist leider hausgemacht. Wenn ich da nur an die vielen Horror-Storys denke, die mir die Betreiber von Hotels und Ferienwohnungen erzählen, wenn wir unterwegs sind, wundert es mich, dass überhaupt noch jemand Hunde und ihre Halter als Gäste aufnimmt.

Wir Hunde können für das schlechte Image nichts, das seid ihr Halter selber schuld...
Foto: Lutz Borger

Da springen die nicht erzogenen Fiffis über Betten und Sofas – die umfallenden Vasen sind da nur der Collateralschaden. Da muss jemand unbedingt seinen Hund duschen, der das ganz offensichtlich nicht mag und offenbar auch nicht kennt – was die vielen Kratzspuren in der Wanne belegen. Oder auch der nach einem Besuch einer Marslandschaft ähnelnde Garten. „Der Garten ist ja auch für die Hundebesucher gedacht, aber nicht um ihn völlig umzupflügen. Mehrere Säcke Erde musste ich kaufen, um die teils einen halben Meter tiefen Löcher wieder zuzuschütten – schon damit sich die folgenden Gäste nicht verletzen“, ­berichtete mir eine Betreiberin einer ­Ferienwohnung.

Was ist nur los mit solchen Hundehaltern? Ist es ein grenzenloses Anspruchsdenken und purer Egoismus? Dann bedienen sie damit genau das negative Image, welches viele von Hundehaltern haben. Sicher, ich weiß auch, dass gerade die Negativ-Beispiele im Gedächtnis haften bleiben. Aber auch wenn es nicht die Mehrheit sein mag, so determinieren diese negativen Erfahrungen auch menschliche Handlungen. Nicht selten entscheiden sich eigentlich hundefreundliche Anbieter von Hotel- und Gästezimmern dann um und verbieten Hunde oder beschränken zumindest deren Anzahl.

Dabei geben sich viele
Hotels so viel Mühe...
Schaut man auf den einschlägigen Webseiten für Urlaub mit Hund nach, bestätigt sich das. Die meisten Anbieter akzeptieren einen oder auch zwei Hunde – doch spätestens mit drei Fellfreunden (noch dazu von den Ausmaßen unserer Rudelmitglieder) wird es schon schwieriger. „Bei mehr Hunden ist die Gefahr einfach zu groß“, verrät mir ein Anbeiter, „wenn das dann einer der Halter ist, die ihren Hund nicht erzogen und sozialisiert haben, dann haben wir als Betreiber und die nachfolgenden Gäste Pech gehabt“.

Dabei wird den Hunden gar kein Vorwurf gemacht: „Die zeigen halt nur die Defizite, die ihnen ihre jeweiligen Halter eingebrockt haben“, erklärt ein Hotelbetreiber. Die Anbieter von Unterkünften mit Hund sind dabei alles andere als realitätsfremd: „Wenn man auch Hunde als Gäste akzeptiert, muss man schon eine höhere Toleranzschwelle haben und ganz klar, da kann auch mal was zu Bruch gehen – das sind halt Unfälle, damit muss man rechnen. Aber wenn der Hund sich ungezogen verhält und dann der ­Halter nicht die geringsten Anstalten macht, das zu unterbinden, das ist schon mehr als unverschämt.“ Wie so oft liegt das Problem mal wieder am anderen Ende der Leine …

Ist es wirklich so schwierig, die banalsten Anstandsregeln zu beachten? Es geht hier nicht um das Einhalten irgendwie gearteter Benimmregeln, die einige mit kindischem Gemüt auch gern ohne Argumentation als „spießig“ deklarieren – wahrscheinlich machen sie das eh nur, um von ihrer mangelnden Erziehung abzulenken. Vielmehr geht es um den Respekt und die Rücksichtnahme, wie sie sich auch im Umgang (auch den Umgangsformen!) miteinander (und mit fremdem Eigentum) widerspiegelt. Denn ohne funktioniert ein Miteinander nicht!

Bei so vielen Anbietern sind Hunde willkommen, denn es sind meist die Halter, die sich nicht benehmen...

Eigentlich ist es ja auch ganz einfach: Man muss sich nur die Frage stellen, was man selber von Gästen nicht möchte, und dann auch selber danach handeln, wenn man Gast ist. Gern würde ich mal solche Leute besuchen, die sich bei anderen daneben benehmen, und denen den Spiegel vorhalten – das wäre sicher ein schelmischer Spaß. Manchmal überlege ich ernsthaft, ob ich dem Döggelchen Rico nicht einen „Ungezogenheits-Modus“ für solche Fälle beibringe. So dass er auf ein Signal hin sich als Hund benimmt wie so mancher Ballermann-Tourist auf Malle (natürlich ohne Sangria-Eimer). Die Vorstellung, wie der kleine Doggen-Wookiee über das volle Buffet springt oder das Dekolletee einer aufgetakelten Proleten-Tussi ausschleckt, treibt mir jedes Mal ein Grinsen ins Gesicht …

Wir haben es daher zur Regel gemacht, wenn wir unterwegs sind und woanders übernachten müssen, immer ein paar Dinge dabei zu haben: Beispielsweise eigene Bettwäsche und Laken oder Decken für Sofas und Bett. Und auch wenn die Reinigung des Zimmers im Preis inbegriffen ist, so fegen wir zumindest mal durch. Auch erkundigen wir uns bei Ankunft, was erlaubt ist und was nicht (nicht selten gibt es so was wie eine „Hunde-Hausordnung“ in den Zimmern bzw. Wohnungen, man muss sie halt nur lesen!).

Mir ist durchaus bewusst, dass es wenig Sinn macht, bei solchen unsozialen Leuten auf Rücksichtnahme und Vernunft zu hoffen. Daher appelliere ich an das, was bei dieser Art Halter am stärksten ausgeprägt ist – ihren Egoismus. Wo wollt ihr denn mit euren Hunden hinfahren, wenn immer weniger Anbieter wegen eures Verhaltens Hunde bei sich aufnehmen? Oder seid ihr bereit, die wegen eures mangelnden Benehmens gestiegenen Preise zu zahlen? Wohl kaum …

Anmk.: Dieser Artikel erschien zuerst in meiner Kolumne in WUFF - Das Hundemagazin 07/2018; parallel dazu erschien auch unser Blogbeitrag An manchen Menschen ist die Evolution und Zivilisation vorbei gegangen


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Mittwoch, 30. Juni 2021

Hunde sind so wunderbar unideologisch

Daran sollten sich viele Menschen ein Beispiel nehmen!


Clash of Ideology – ob auf Hundeplätzen, der Straße oder im Wald – trifft man fanatische Ideologen. Statt den Hund als Lebewesen in den Mittelpunkt zu stellen, ist für sie der (Macht-)Kampf um ihre Ideologie wichtiger. Auf ihrem ideologischen Altar opfern sie – darunter nicht wenige „Hundeprofis“ – dabei das Wohlergehen unserer caniden Freunde. Wie wohltuend unideologisch ist doch da der Umgang von Hunden untereinander.

Egal ob beim Gassi in der Stadt, im Wald oder bei den virtuellen Runden in den Sozialen Medien: Irgend einen Anhänger der verschiedensten (Hunde-)Ideologien trifft man (leider) immer – egal ob es sich um einen Befürworter von Halsbändern oder von Geschirren, von an Bestechung grenzenden Leckerli-Verteilern oder rhythmischen Klickern handelt, ob um Barfer oder Fertigfütterer. Auch allgemeine Kastrations-Befürworter und -Gegner trifft man. Sie alle haben eines gemeinsam: ideologischen Fanatismus. Auf dem Altar ihrer an religiösen Fanatismus grenzenden Ideologie opfern sie Logik und Vernunft, für Sachargumente oder wissenschaftliche Ergebnisse sind sie in etwa so zugänglich wie ein Backstein.

An deren Geltungs- und Machtsucht hätte der Schüler Sigmund Freuds und Begründer der Individualpsychologie Alfred Adler sicher seine helle (wissenschaftliche) Freude. Für mich sind diese Profilneurosen mehr als unverständlich. So lernte ich schon auf dem Gymnasium die so genannte Ideologiekritik, welche während meines Studiums der Geschichte und der Medienwissenschaft noch ihren methodischen Feinschliff bekam. Zugegeben, ich entwickelte in der Zeit sogar eine gewisse Ideologie-­Allergie. Aber es bedarf gar nicht des Besuchs einer Universität, schon die ­Beobachtung unserer Hunde reicht aus, um solche Ideologien kritisch zu sehen. Ein Beispiel: Meinem Döggelchen Rico ist es völlig egal, ob der Hund, der ihm gerade begegnet, ein Geschirr trägt oder ein Halsband, ob er gebarft wird oder nicht. Für Rico stehen ganz andere ­Fragen im Vordergrund: Ist er sozialisiert? Kann ich mit ihm spielen? Selbst bei Kastraten ist er recht tolerant und spielt mit ihnen, und das obwohl dieser Eingriff die Biologie so stark verändert, dass sie „anders“ riechen und daher auch oft von anderen Hunden gemobbt werden – aber diese Reaktion ist dann auch nicht ideologisch, sondern ­biologisch.

Wir sollten viel mehr die "Hunde-Ideologie" lernen, als unsere menschlichen Ideologien auf die Hunde zu übertragen!
Foto: Lutz Borger

Kurz gesagt: Für unsere Fellfreunde zählt der Charakter. Ideologie spielt bei Hundebegegnungen nicht mal eine ­untergeordnete Rolle, sie spielt nämlich gar keine. Auch in dieser Hinsicht ­können sich Halter und Hundetrainer ein Beispiel an unseren ältesten Freunden nehmen! Für unsere caniden Freunde zählt nur, ob es passt oder nicht – ganz frei von menschlicher Ideologie und Geltungsdrang. Während Menschen einen schon abwerten, wenn man nicht die richtige „Mode“ trägt, spielen Hunde mit Halsband ganz selbstverständlich mit denen mit Geschirr, die ­gebarften Hunde mit denen, die Fertigfutter bekommen etc.

Es mag auch daran liegen, dass Hunde keine (menschlichen) Minderwertigkeitskomplexe haben – ganz anders als bei vielen Menschen am anderen Ende der Leine. Sicher, auch unseren Fellfreunden ist „Status“ wichtig, aber in einem ganz anderen Zusammenhang. Einen Therapeuten brauchen sie dafür jedenfalls nicht, anders als bei vielen Menschen mit Geltungssucht. Schade ist dabei nur, dass das Wesentliche, der Hund, dabei auf der Strecke bleibt. Wichtiger als ihr canider Lebenspartner ist vielen Menschen ihre Profilierung.

Hund und Mensch sind ein Team - und keine ideologische Partei!
Foto: Lutz Borger

Keine Ahnung wie es Euch so geht, aber ich freue mich jedes Mal, wenn das Döggelchen einen passenden Spielkameraden gefunden hat. Ich berausche mich geradezu an ihrem Spiel – und dabei ist es mir völlig egal, ob der Hund ein Halsband oder Geschirr trägt oder was er am Vormittag im Napf hatte (das weiß Rico dank seiner Nase eh besser als ich, scheint aber kein wichtiges Auswahlkriterium für eine Freundschaft für ihn zu sein). Doch wenn der Halter mir mit irgendeiner Ideologie kommt, am besten noch fern von Logik und Vernunft, dann entwickle ich eine gewisse Antipathie gegen ihn (nicht gegen den Hund! Der kann ja nichts dafür) – fast wie ein ­psychischer Reflex. Nicht selten habe ich dann auch Mitleid mit dem anderen Hund, muss er doch die Ideologie ­ertragen, anstatt die Vernunft und Liebe zu genießen.


Anmk.: Dieser Artikel erschien zuerst in meiner Kolumne in WUFF - Das Hundemagazin 06/2018; parallel dazu erschien auch unser Blogbeitrag Eure 2-Beiner- Ideologien sind uns Hunden völlig egal - also projiziert sie nicht auf uns!


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Dienstag, 18. Mai 2021

Tiere haben ein Recht auf Hilfe!

Was, wenn man dabei gegen das Gesetz verstößt?

Sie brechen in Wohnungen und Stallungen ein, retten Tiere aus der Not und brechen damit regelmäßig Gesetze: Radikale Tierschützer bewegen sich immer in einer dunkelgrauen Zone – ihnen ist das Wohl des Tieres wichtiger als das Einhalten von Gesetzen. Für manche sind sie ­Verbrecher, für andere wiederum Helden.

Eine Gänsehaut überzog mich, ein Kloß im Hals, der mir die Kehle förmlich zuschnürte, bildete sich und die Wut im Bauch stand kurz vor der Explosion. Im Laderaum des Autos waren diverse Boxen und darin Hunde in einem erbärmlichen Zustand: verwahrlost, verdreckt, verletzt. In einer Box fiepten völlig unterernährte Welpen, in einer anderen wimmerte ein an der Pfote verletzter Hund, dessen Fell am Hals vom Kettentragen schon ausgefallen war. Da war ein alter, blinder, zitternder Hund, ebenso wie eine Hündin mit sehr großen Zitzen – ich vermutete sofort, dass sie schon einige Welpen geworfen hatte. „Ja stimmt, dabei ist sie gerade mal 3 Jahre alt“, sagt Bernd (Name wurde geändert, das war die Bedingung: keine Namen, keine Fotos, selbst das Handy musste ich im Auto lassen) – denn Bernd ist ein „radikaler Tierschützer“, den ich über verschlungene Pfade aus meiner etwas „wilderen“ Jugend kannte (wir berichteten in unserem Blog GASSIREPORT über dieses Zusammentreffen: „Radikale Tierschützer – Verbrecher oder Helden?“).

Auch Tiere haben ein Recht darauf, dass ihnen geholfen wird!
Foto: Lutz Borger

Das Erste, was an ihm auffällt, sind seine riesigen Pranken. Da stand er vor mir, in etwa mit den Ausmaßen eines großen Kühlschrankes. Einer von diesen amerikanischen Kühlschränken – die Amis neigen ja bekanntlich ein wenig zur Gigantomanie. Er wirkt etwas grobschlächtig. Sein Händedruck ist fest, was viele ja mit Charakter verbinden, andere wiederum darin nur die Angabe mit der Körperkraft sehen. Egal, ich bin aus einem bestimmten Grund hier, und wenn es der Recherche dient und er sich dadurch „sicherer“ fühlt, kann er meinetwegen auch angeben.

Immer wieder bricht Bernd irgendwo ein und „befreit“ misshandelte Tiere – so sieht er es. Doch juristisch gesehen begeht er damit auch eine Straftat. Gleich mehrere Paragrafen des Strafgesetzbuches (StGB) könnten hier greifen, wie beispielsweise § 123, 242, 243,244, 246 oder 303. Denn zunächst ist es ja Einbruch und die Aneignung von fremdem Eigentum, nicht selten mit Sachbeschädigung. Jedoch gelten Tiere – anders wie viele vermuten und es auch immer gerne in den Sozialen Medien gern falsch verbreiten – nicht als Sache. ­Dieser Mythos hält sich auch deswegen hartnäckig, weil häufig Gesetze über „Sachen“ zur Anwendung kommen, was aber nicht bedeutet, dass juristisch gesehen Tiere als Gegenstände zu sehen sind! In § 90a des Bürgerlichen Gesetzbuches (BGB) steht: „Tiere sind keine Sachen. Sie werden durch besondere ­Gesetze geschützt. Auf sie sind die für Sachen geltenden Vorschriften entsprechend anzuwenden, soweit nicht etwas anderes bestimmt ist.“ In Österreich ­findet sich in § 285a ABGB eine gleichlautende Regelung, so die auf Tierrecht spezialisierte Rechtsanwältin Dr. Susanne Chyba.
Chyba weiter: „Seit 2013 ist in Österreich Tierschutz als Staatsziel verfassungsrechtlich verankert. § 2 BVG Nachhaltigkeit lautet: ‚Die Republik Österreich (Bund, Länder und Gemeinden) bekennt sich zum Tierschutz.‘ Erfasst ist aber nur der ‚Individualtierschutz‘, d.h. der Schutz des einzelnen Tiers.“
 

Susan Beaucamp
Foto: Kanzlei
Bereits seit 2002 steht der Tierschutz in Deutschland als Staatsziel sogar im Grundgesetz (siehe GG 20a). „Mit der Aufnahme des Tierschutzes als Staatsziel im GG ist er als hohes Rechtsgut anerkannt“, sagt die auf Tierrecht spezialisierte Anwältin Susan Beaucamp. Wohl auch deswegen entschied das Landgericht Magdeburg am 11. Oktober 2017: „Das Eindringen von Mitgliedern einer Tierschutzorganisation in die Stallungen einer Tierzuchtanlage, um dort Verstöße gegen die Tierschutznutztierverordnung mit Foto- und Filmaufnahmen zu dokumentieren und anschließend die Öffentlichkeit zu informieren und bei der Staatsanwaltschaft anzuzeigen, kann als Nothilfe gemäß § 32 StGB und aufgrund eines Notstandes gemäß § 34 StGB gerechtfertigt sein. Denn Tiere sind als nothilfefähig und der Tierschutz als notstandsfähiges Rechtsgut anzusehen“, berichtet der auf Tierrecht spezialisierte Anwalt Andreas Ackenheil (Autor des Buches „Ihr Recht rund ums Haustier“). Dr. Susanne Chyba zur Situation in Österreich: „Eine vergleichbare Entscheidung ist in Österreich noch nicht bekannt. Einer der berühmtesten Strafprozesse zu diesem Thema ist jedoch der sogenannte „Wiener Neustädter Tierschützerprozess“ vor dem Landesgericht Wiener Neustadt, der 2006 mit dem Ermittlungsverfahren begann und für alle 13 Aktivisten 2011 mit einem Freispruch u.a. vom Vorwurf der Beteiligung an einer kriminellen Organisation endete.“ Das Brechen von anderen Gesetzen kann also im Einzelfall durch Nothilfe gerechtfertigt sein. Außerdem ergänzt Ackenheil: „Daneben wird durch § 1 TierSchG auch das im Mitgefühl für Tiere sich äußernde menschliche Empfinden mitgeschützt und im Ergebnis muss daher gegen Tierquälerei Nothilfe zulässig sein.“
 

Andreas Acknheil
Foto: Kanzlei


Das ist nun aber kein Freifahrtschein für Selbstjustiz: „Wer tierschutzwidrige Haltungszustände feststellt, dem ist grundsätzlich nicht erlaubt, im Wege der Selbsthilfe für Abhilfe zu sorgen. Dies dürfen regelmäßig nur die Ordnungsbehörden (Veterinärämter) oder bei Gefahr in Verzug auch die Polizei“, erklärt Ackenheil.

Dr. Susanne Chyba über einen Fall in Österreich: „Bemerkenswert ist die Entscheidung des LG St. Pölten aus dem Jahr 2004, in dem ein Tierschützer, der 7 Hühner aus einer Legebatterie entführt hatte, im Berufungsverfahren vom Vorwurf der Unterschlagung freigesprochen wurde. Das Berufungsgericht konnte zwar weder einen rechtfertigenden noch einen entschuldigenden Notstand im Sinne des § 10 StGB erkennen, da es den gegenständlichen Eingriff des Mannes nicht als das einzige Mittel zur Abwehr des drohenden Nachteils wertete. Das Gericht führte aber aus, dass im Rahmen der gesetzlichen Änderung des Tierschutzes ein Umdenken aller zu erwarten sei und es könne daher nicht a priori gesagt werden, dass eine Meldung bzw. Anzeige bei den Sicherheitsbehörden erfolglos geblieben und das Eingreifen der Behörde zu spät gekommen wäre. Das Berufungsgericht fand die Tat aber für nicht strafwürdig im Sinne des damals geltenden § 42 StGB, da sowohl die Schuld des Täters als auch die Folgen der Tat gering (der Schaden betrug nur 15 Euro) seien. Überdies erschien dem Berufungsgericht die Strafe nicht geboten, um den Täter oder andere von ähnlichen Delikten abzuhalten. Eine gleiche Entscheidung kann es aber auf Grund der Änderung des StGB nicht mehr geben.“

Aber was muss man als Normalsterblicher beachten, wenn man einem Tier in akuter Not helfen will? „Sofern man einem Hund helfen will, der misshandelt wird oder z.B. im Auto bei Hitze eingeschlossen ist, muss man sich vergewissern, dass es kein anderes Mittel gibt ihm zu helfen als eine Straftat zu begehen. Im Kopf sollte man durchgehen, was es für Möglichkeiten gibt. Den Halter des Wagens ausrufen lassen oder die Polizei verständigen. Erst wenn dafür wirklich keine Zeit mehr bleibt, sollte anderweitig gehandelt werden. Bestenfalls sollte man dokumentieren, wie der Zustand des Tieres ist. Im heutigen Zeitalter der Smartphones, die alle eine Kamera haben, sollte das leicht möglich sein. Ebenso ist es wichtig, vielleicht Zeugen zu finden, die die missliche Lage des Tieres ebenso beobachtet haben und später dies vor der Polizei aussagen. Wird ein Hund in der Nachbarschaft misshandelt, sollte das Veterinäramt eingeschaltet werden. Vorher sollte keine Aktion getätigt werden, den Hund auf eigene Faust zu retten“, sagt Beaucamp.

Das hilft zwar nicht gegen eine Anzeige, aber die Beweise können in einem etwaigen Prozess dann für den Tierretter sprechen, meint Ackenheil: „Gegen eine Anzeige kann man sich zunächst nicht schützen. Diese wird meist vom Hundehalter oder Fahrzeugführer/-halter gestellt. Die Anzeige erfolgt meist wegen Sachbeschädigung am Fahrzeug. Die Kfz-Haftpflichtversicherung greift nicht ein, da der Fahrzeugführer nicht beim Betrieb des Kfz einen Schaden verursacht hat. Die eigene Haftpflichtversicherung des Tierretters greift nicht, da er die Scheibe vorsätzlich eingeschlagen hat und vorsätzliches Verhalten nicht unter den Versicherungsschutz fällt. Dennoch wird ein Strafrichter meist das Verhalten des Tierretters als gerechtfertigt ansehen, so dass eine Bestrafung aus der Anzeige nicht erfolgen sollte. Der Tierhalter bzw. Fahrzeugführer /-halter kann jedoch gegen den Tierretter zivilrechtlich seinen entstandenen Schaden am Fahrzeug sowie gegebenenfalls auch die entstandenen Tierarztkosten der Tierrettung geltend machen. Dies folgt meist über § 823 BGB, bei dem jedoch erneut die Rechtfertigung des Handelns zu berücksichtigen ist. Insoweit sollte daher ein Gericht den Tierretter auch hierbei nicht verurteilen.“

So groß auch das moralische Verständnis sein mag, so sehr sollte man sich aber auch juristisch absichern – denn Selbstjustiz ist sicherlich keine Lösung in einer zivilisierten Gesellschaft. „Ich achte immer darauf, dass möglichst wenig kaputt geht und dokumentiere immer alles mit Videos, Fotos und Datum. Manchmal lasse ich auch Geld da, falls ich mal ein Schloss aufbrechen oder eine Scheibe einschlagen musste – ich will ja niemandem schaden, sondern nur dem Tier helfen“, sagt Bernd.



 

Anmk.: Dieser Artikel erschien zuerst in meiner Kolumne in WUFF - Das Hundemagazin 05/2018; parallel dazu erschien auch unser Blogbeitrag Wir Tiere haben ein Recht auf Hilfe!

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Freitag, 30. April 2021

Mehr Hunde, mehr Arbeit … aber auch mehr Spaß

Seitdem das Döggelchen und ich in einem Rudel leben, hat sich viel verändert. Eines ist mir jedoch sofort klar geworden: Das wird nicht einfach – aber auch sehr lustig. Denn so ein Rudel ist mehr als nur die Summe seiner Einzelteile, es entwickelt so seine ganz eigenen Dynamiken. Das erfordert eine erhöhte Aufmerksamkeit, mehr Arbeit, weniger Ruhe und Zeit für sich – aber unterm Strich fällt einem das kaum auf, denn die vielen Lacher dabei wiegen alles auf.

Das komplette Schweizer Rudel

Smilla schläft noch. Ruhig atmend liegt sie in ihrem Hundebett. Langsam nähert sich das Döggelchen Rico … Gaaaanz langsam zupft er an der Decke auf der sie ruht. Nun, mit der Ruhe sollte es bald vorbei sein. Denn als der kleine Doggen-Wookiee einen Zipfel der Decke ergattert, zieht er daran. So heftig, dass die hübsche Smilla davon wach wird. Sogleich springt sie auf und startet das morgendliche Ritual zwischen den beiden: Fröhliches Deckenzerren.

Noch ahnt Smilla nichts...

Unter den teils konsternierten Blicken der anderen Hunde spielen und toben die beiden, was das Zeug bzw. was die Decke (aus)hält. Keiner mischt sich ein. Das ist eben ihr gemeinsames Ding. Jedes Mal entlockt es mir ein Lächeln – mehrere Hunde bedeutet halt mehr Spaß.

Aber es bedeutet eben auch mehr Verantwortung und Aufmerksamkeit. Abends auf der Couch dann ist es ganz anders: Rico und Smilla liegen dicht beieinander. Po an Po. Aber dann bewegt sich das Döggelchen ein wenig – nur seine Hinterpfote, mehr nicht. Aber es reicht schon: Sogleich springt Smilla wuffend auf und beschwert sich (die junge Dame hat was dagegen, wenn man ihren Hintern im Schlaf berührt). Daraufhin gefriert Rico augenblicklich zur Statue, wagt es nicht sich zu bewegen. Nur sein Blick spricht Bände: „Was‘n los? Warum zickt das Weibchen jetzt wieder rum? Hab‘ doch nur meine Pfote um einen Zentimeter bewegt …“

Knutschi!
Sie verstehen sich im Gegensatz zu uns felllosen Primaten der Gattung Mensch auch ohne Worte. Alleine das Beobachten der Kommunikation zwischen den Hunden ist eine wahre Freude. All diese Nuancen der Blicke, der Mimik, der Körpersprache. Und bei mehreren Hunden kann man es den ganzen Tag über genießen und nicht nur bei den punktuellen Zusammentreffen beim Gassigang. Doch im Gegensatz zu einem Einzelhund erfordert so ein Rudel schon ein gewisses Austarieren der unterschiedlichen Charaktere. Gegenseitiges Verständnis hilft da besonders! Und das gilt auch für das gegenseitige Verstehen zwischen den Hunden. Wie sie sich gegenüber den anderen verhalten, wie sehr sie die momentane Stimmungslage des jeweils anderen zuerst „verstehen“ und dann am besten auch respektieren, umso reibungsloser läuft das Rudelleben.

Auf der "Liebesbank"

Wichtig für das gegenseitige Verstehen ist da aber selbstverständlich auch das Verhalten der menschlichen Partner. Denn sie sind es vor allem, an denen sich die Hunde orientieren. Dabei gilt es besonders die richtige Rudelbalance aufrecht zu erhalten. Da sind mir mehrere Stichworte wichtig:

Fairness
So individuell ich auch jeden Hund unseres Rudels behandle, schließlich hat jeder so seinen eigenen Kopf, seinen individuellen Charakter, sein diverses Temperament, seine unterschiedliche Tagesform und seine persönliche Vorlieben; so gleich versuche ich meine Aufmerksamkeit aufzuteilen und alle Regeln gelten für alle. So wichtig gerade Letzteres ist, so heißt das nicht, dass nicht mal der ein oder andere Hund gelegentlich eine Sonderrolle genießt (beispielsweise bei Krankheit oder Verletzung, oder aber einfach nur, weil er gerade was besonders Witziges gemacht hat). Hier kann man sich ebenfalls viel von den Hunden abgucken. Ich wundere mich (und zugegeben nicht ohne Stolz) jedes Mal, mit welchem „Gerechtigkeitssinn“ das Döggelchen Rico einschreitet, wenn es mal unter seinen Mädels zofft: Er bellt regelmäßig die an, die angefangen hat. 🙂

Balance
Hier meine ich nicht den Gleichgewichtssinn, den können Hunde eh besser auf einem Baumstamm trainieren; auch nicht die gerechte Futterverteilung (angesichts der Unterschiede zwischen den Hunden wäre das wohl auch eine falsch verstandene, eher menschliche Sicht von gerechtem Füttern – eventuell sogar mit medizinischen Konsequenzen wie Über- oder Untergewicht). Nein, vielmehr meine ich da das Ausbalancieren der unterschiedlichsten Temperamente und Stimmungen. Einfach damit es nicht zu „Spitzen“ kommt, so dass es nie zur Eskalation führt. Meiner Meinung nach unterschätzen da viele Halter noch die Wirkung ihrer eigenen Stimmung. Dabei können sie über die vielfach mehr Einfluss auf ihre Hunde nehmen als mit anderen Signalen. Ein Beispiel: Sind die Hunde besonders aufgedreht, bin ich meist sehr ruhig (was ich am besten durch meine Atmung beeinflussen kann), um sie nicht noch „aufzupeitschen“, ihnen ein Gegenpol zu sein und somit auch einen „Temperamentsanker“ zu bieten.

Regeln
Ob man sie nun mag oder nicht, aber das Zusammenleben mehrerer Individuen funktioniert nicht ohne Regeln. Das gilt für alle sozialen Wesen, die in Gruppen, Herden oder Rudeln leben. Und auch wenn es menschlich absolut verständlich ist, sich gegen einengende Regeln zu wehren, so darf man nicht vergessen, dass diese menschliche Revoluzzer-­Denke in dieser Form Hunden fremd sein dürfte. Sie sehen darin nichts Negatives, im Gegenteil, sie geben ihnen Orientierung und somit auch Verlässlichkeit.

Es wären noch viele weitere wichtige Punkte zu nennen, wie beispielsweise die Kommunikation, die Empathie oder einfach nur die Beachtung der unterschiedlichen Altersstufen etc. Wichtiger ist aber, sich aller Unterschiede bewusst zu sein – und sie auch zu genießen! Gerade dieses Individuelle unserer Hunde macht es ja aus. Das sollten sie auch ausleben dürfen. Daher plädiere ich immer wieder dafür: Unterdrücke nie die Individualität deiner Hunde! Und ja, mehr Hunde bedeutet auch mehr Arbeit und vor allem auch mehr Aufmerksamkeit, man hat nie wirklich seine Ruhe als Mensch (was ich seltsam finde, da man ja den Hunden durchaus auch ihren temporären Rückzug gönnt, aber ich habe es bisher nicht geschafft, dem Döggelchen zu erklären, dass auch ich mal meine Rückzugszeit brauche, seitdem wir im Rudel leben). Aber am Ende des Tages wird man auch viel häufiger durch Lachanfälle belohnt.

Bei dem Kontaktliegen, wer braucht da noch eine Decke...


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