Freitag, 30. April 2021

Mehr Hunde, mehr Arbeit … aber auch mehr Spaß

Seitdem das Döggelchen und ich in einem Rudel leben, hat sich viel verändert. Eines ist mir jedoch sofort klar geworden: Das wird nicht einfach – aber auch sehr lustig. Denn so ein Rudel ist mehr als nur die Summe seiner Einzelteile, es entwickelt so seine ganz eigenen Dynamiken. Das erfordert eine erhöhte Aufmerksamkeit, mehr Arbeit, weniger Ruhe und Zeit für sich – aber unterm Strich fällt einem das kaum auf, denn die vielen Lacher dabei wiegen alles auf.

Das komplette Schweizer Rudel

Smilla schläft noch. Ruhig atmend liegt sie in ihrem Hundebett. Langsam nähert sich das Döggelchen Rico … Gaaaanz langsam zupft er an der Decke auf der sie ruht. Nun, mit der Ruhe sollte es bald vorbei sein. Denn als der kleine Doggen-Wookiee einen Zipfel der Decke ergattert, zieht er daran. So heftig, dass die hübsche Smilla davon wach wird. Sogleich springt sie auf und startet das morgendliche Ritual zwischen den beiden: Fröhliches Deckenzerren.

Noch ahnt Smilla nichts...

Unter den teils konsternierten Blicken der anderen Hunde spielen und toben die beiden, was das Zeug bzw. was die Decke (aus)hält. Keiner mischt sich ein. Das ist eben ihr gemeinsames Ding. Jedes Mal entlockt es mir ein Lächeln – mehrere Hunde bedeutet halt mehr Spaß.

Aber es bedeutet eben auch mehr Verantwortung und Aufmerksamkeit. Abends auf der Couch dann ist es ganz anders: Rico und Smilla liegen dicht beieinander. Po an Po. Aber dann bewegt sich das Döggelchen ein wenig – nur seine Hinterpfote, mehr nicht. Aber es reicht schon: Sogleich springt Smilla wuffend auf und beschwert sich (die junge Dame hat was dagegen, wenn man ihren Hintern im Schlaf berührt). Daraufhin gefriert Rico augenblicklich zur Statue, wagt es nicht sich zu bewegen. Nur sein Blick spricht Bände: „Was‘n los? Warum zickt das Weibchen jetzt wieder rum? Hab‘ doch nur meine Pfote um einen Zentimeter bewegt …“

Knutschi!
Sie verstehen sich im Gegensatz zu uns felllosen Primaten der Gattung Mensch auch ohne Worte. Alleine das Beobachten der Kommunikation zwischen den Hunden ist eine wahre Freude. All diese Nuancen der Blicke, der Mimik, der Körpersprache. Und bei mehreren Hunden kann man es den ganzen Tag über genießen und nicht nur bei den punktuellen Zusammentreffen beim Gassigang. Doch im Gegensatz zu einem Einzelhund erfordert so ein Rudel schon ein gewisses Austarieren der unterschiedlichen Charaktere. Gegenseitiges Verständnis hilft da besonders! Und das gilt auch für das gegenseitige Verstehen zwischen den Hunden. Wie sie sich gegenüber den anderen verhalten, wie sehr sie die momentane Stimmungslage des jeweils anderen zuerst „verstehen“ und dann am besten auch respektieren, umso reibungsloser läuft das Rudelleben.

Auf der "Liebesbank"

Wichtig für das gegenseitige Verstehen ist da aber selbstverständlich auch das Verhalten der menschlichen Partner. Denn sie sind es vor allem, an denen sich die Hunde orientieren. Dabei gilt es besonders die richtige Rudelbalance aufrecht zu erhalten. Da sind mir mehrere Stichworte wichtig:

Fairness
So individuell ich auch jeden Hund unseres Rudels behandle, schließlich hat jeder so seinen eigenen Kopf, seinen individuellen Charakter, sein diverses Temperament, seine unterschiedliche Tagesform und seine persönliche Vorlieben; so gleich versuche ich meine Aufmerksamkeit aufzuteilen und alle Regeln gelten für alle. So wichtig gerade Letzteres ist, so heißt das nicht, dass nicht mal der ein oder andere Hund gelegentlich eine Sonderrolle genießt (beispielsweise bei Krankheit oder Verletzung, oder aber einfach nur, weil er gerade was besonders Witziges gemacht hat). Hier kann man sich ebenfalls viel von den Hunden abgucken. Ich wundere mich (und zugegeben nicht ohne Stolz) jedes Mal, mit welchem „Gerechtigkeitssinn“ das Döggelchen Rico einschreitet, wenn es mal unter seinen Mädels zofft: Er bellt regelmäßig die an, die angefangen hat. 🙂

Balance
Hier meine ich nicht den Gleichgewichtssinn, den können Hunde eh besser auf einem Baumstamm trainieren; auch nicht die gerechte Futterverteilung (angesichts der Unterschiede zwischen den Hunden wäre das wohl auch eine falsch verstandene, eher menschliche Sicht von gerechtem Füttern – eventuell sogar mit medizinischen Konsequenzen wie Über- oder Untergewicht). Nein, vielmehr meine ich da das Ausbalancieren der unterschiedlichsten Temperamente und Stimmungen. Einfach damit es nicht zu „Spitzen“ kommt, so dass es nie zur Eskalation führt. Meiner Meinung nach unterschätzen da viele Halter noch die Wirkung ihrer eigenen Stimmung. Dabei können sie über die vielfach mehr Einfluss auf ihre Hunde nehmen als mit anderen Signalen. Ein Beispiel: Sind die Hunde besonders aufgedreht, bin ich meist sehr ruhig (was ich am besten durch meine Atmung beeinflussen kann), um sie nicht noch „aufzupeitschen“, ihnen ein Gegenpol zu sein und somit auch einen „Temperamentsanker“ zu bieten.

Regeln
Ob man sie nun mag oder nicht, aber das Zusammenleben mehrerer Individuen funktioniert nicht ohne Regeln. Das gilt für alle sozialen Wesen, die in Gruppen, Herden oder Rudeln leben. Und auch wenn es menschlich absolut verständlich ist, sich gegen einengende Regeln zu wehren, so darf man nicht vergessen, dass diese menschliche Revoluzzer-­Denke in dieser Form Hunden fremd sein dürfte. Sie sehen darin nichts Negatives, im Gegenteil, sie geben ihnen Orientierung und somit auch Verlässlichkeit.

Es wären noch viele weitere wichtige Punkte zu nennen, wie beispielsweise die Kommunikation, die Empathie oder einfach nur die Beachtung der unterschiedlichen Altersstufen etc. Wichtiger ist aber, sich aller Unterschiede bewusst zu sein – und sie auch zu genießen! Gerade dieses Individuelle unserer Hunde macht es ja aus. Das sollten sie auch ausleben dürfen. Daher plädiere ich immer wieder dafür: Unterdrücke nie die Individualität deiner Hunde! Und ja, mehr Hunde bedeutet auch mehr Arbeit und vor allem auch mehr Aufmerksamkeit, man hat nie wirklich seine Ruhe als Mensch (was ich seltsam finde, da man ja den Hunden durchaus auch ihren temporären Rückzug gönnt, aber ich habe es bisher nicht geschafft, dem Döggelchen zu erklären, dass auch ich mal meine Rückzugszeit brauche, seitdem wir im Rudel leben). Aber am Ende des Tages wird man auch viel häufiger durch Lachanfälle belohnt.

Bei dem Kontaktliegen, wer braucht da noch eine Decke...


Anmk.: Dieser Artikel erschien zuerst in meiner Kolumne in WUFF - Das Hundemagazin 04/2018; parallel dazu erschien auch unser Blogbeitrag Zusammenführung eines Hunderudels

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Dienstag, 30. März 2021

Hundefitness – Ein gesunder Geist in einem gesunden Körper – das gilt auch für Hunde

Wer rastet, der rostet. Das gilt für unsere Hunde fast mehr als für uns Zweibeiner. Daher brauchen unsere Hunde mehr regelmäßige Bewegung als nur die Runde um den Block. Mit wohldosiertem Workout lassen sich der Alterungsprozess verzögern und auch degenerative Krankheiten abmildern. Und ähnlich wie beim Sport von Menschen, wo Freundschaften geschlossen und der Teamgeist gestärkt wird, so fördert es auch die Bindung zwischen Hund und Halter.

Da, der Baum, er liegt mitten im Wald und hat genau den richtigen Umfang. Ich hüpfe drüber und Rico folgt mir nahezu zeitgleich – nur wesentlich eleganter und geschmeidiger. Auch beim Balancieren über einen Baumstamm macht der kleine Doggen-Wookiee eine bessere Figur als ich. Später erspähe ich einen anderen Baum, seine Rinde ist ideal. In die Rillen drücke ich ein paar Leckerchen – unter den wachsamen Augen des Döggelchens. Kaum gebe ich sie frei, springt Rico auch schon mit seinen Vorderpfoten hoch und knabbert die Leckerchen aus der Borke.

Immer wieder baue ich solche Übungen bei unseren Gassigängen ein. Zum Einen, weil es uns Spaß macht, zum Anderen auch um Rico fit zu halten. Aber reicht das? „Das ist auf jeden Fall schon ein toller Ansatz und auch das, was ich prinzipiell jedem Hundehalter ans Herz lege. Denn so kann ich schon einiges dafür tun, dass Rico „in Bewegung“ bleibt“, sagt mir Martina Flocken von Doggy Fitness, die Webinare zum Thema Hundefitness entwickelt hat. Prima, mache ich also doch nicht alles falsch – so als einfacher, unwissender Halter. Aber wie finde ich das richtige Maß? „Das ist immer individuell – aber deine Übungen hören sich schon einmal gut an. Grundsätzlich macht es Sinn, alle Körperbereiche anzusprechen und dabei zu wissen, was man warum tut“, erklärt mir die Autorin und aus dem Dog Dance bekannte Carmen Heritier, die derzeit zusammen mit der Tierphysiotherapeutin Sandra Rutz an einem Buch zum Thema Hundefitness schreibt (erscheint im April 2018 im Kynos Verlag).



Carmen Hertier mit Rico

Das Toben mit anderen Hunden reicht jedenfalls nicht aus um Hunde fit zu halten, weiß Sandra Rutz: „Es ist eine bequeme Art, den Hund körperlich auszulasten, aber es ist kein gezieltes Training. Das Toben mit anderen Hunden kommt eher einem Ringkampf gleich (Schnellkraft). Dies stellt zwar ein Ganzkörperworkout dar, ist aber voll mit Belastungsspitzen. Die Spielpartner sollten körperlich gleichberechtigt sein und es ist auch sinnvoll, die Hunde vorher ein Stück an der Leine zu lassen, das einem warm up gleich kommt.“

Und ähnlich wie bei uns Menschen, ist Sport auch gesund. So kann gezieltes Training auch degenerative Erscheinungen abmildern, weiß Martina Flocken: „Bei unseren Hunden ist es wie mit uns Menschen: wer rastet, der rostet.“ Ja sogar der Alterungsprozess kann somit verzögert werden, erklärt sie mir. Ähnlich sieht es auch Sandra Rutz: „Wir sorgen mit einem Fitnesstraining für mehr Beweglichkeit, Muskelaufbau und Koordination. Wir verzögern den Alterungsprozess und gleichen bei orthopädischen Defiziten Bewegungseinschränkungen aus.“

Aber nicht nur für den Körper ist so ein Fitnessprogramm gut! Das gemeinsame Trainieren fördert auch die Bindung: „Mein Ansatz des Trainings ist genau dieser: man tut nicht nur etwas für die Gesundheit des Hundes, man verbringt gemeinsame Zeit, stärkt Bindung und Vertrauen und hat gemeinsam Spaß. Deshalb ist es immer wichtig, dass das Training positiv gestaltet wird und Mensch und Hund Erfolgserlebnisse und Spaß haben“, berichtet Martina Flocken. Und auch Carmen Heritier sieht das so: „Gemeinsames Training ist sicherlich förderlich für die Bindung, insbesondere da im Fitnesstraining immer mit positiver Bestärkung gearbeitet werden sollte und die Übungen für den Hund nachvollziehbar und kleinschrittig erarbeitet werden. Das gibt nicht nur ihm ein gutes Gefühl, sondern das gemeinsame Erarbeiten von oftmals ziemlich detailreichen Übungen verbindet immer.“



Nun sollte man aber nicht einfach so wild loslegen. Denn vieles ist zu beachten! So brauchen auch Hunde in der kalten Jahreszeit eine längere Aufwärmphase. Ein vorheriger Gesundheitscheck – ähnlich wie es auch bei Menschen vor dem Start eines neuen Trainings angeraten wird – ist daher sehr wichtig. „Ein kleiner Checkup der bewegenden Strukturen und ein Fitness-Test macht Sinn. Falls schon gesundheitliche Probleme bekannt sind, bitte vorher mit Tierarzt und Physiotherapeut besprechen, welche Übungen nicht in Frage kommen“, rät daher Sandra Rutz.

Nun bestens informiert und auch um einige neue Übungen inspiriert, macht das Training noch mehr Spaß – auch wenn das Döggelchen Rico immer noch die bessere Figur macht als ich. Gut für die Gesundheit ist es allemal und zwar nicht nur körperlich, denn auch für Hunde gilt: „Mens sana in corpore sano.“ (Lat. für „Ein gesunder Geist in einem gesunden Körper.“) Oder wie Carmen Heritier gern Aristoteles zitiert: „Das Leben besteht in der Bewegung.“

Anmk.: Dieser Artikel erschien zuerst in meiner Kolumne in WUFF - Das Hundemagazin 03/2018; parallel dazu erschien auch unser Blogbeitrag Hundefitness - Das leben ist Bewegung

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Sonntag, 28. Februar 2021

Am Rande von ­Hunde­ausstellungen zeigt sich der falsche Ehrgeiz so ­mancher Halter

Bei Hundeausstellungen spielen sich abseits des Vorführrings Dramen ab: Von der heulenden Züchterin bis hin zur gefrusteten Halterin, die ihre Enttäuschung den Hund im wahrsten ­Sinne des Wortes spüren lässt. Ist das noch ­Liebe zum Hund? Oder nicht doch vielmehr falscher ­Ehrgeiz?

Dramatische Szenen spielen sich am Rande des Ringes ab. Nicht eines Catcher-, Box- oder ­Mixed-Martial-Arts-Rings – da würde es ja noch passen. Nein, am Rande von den Ringen meine ich, die man auf Hundeausstellungen antrifft: Zitternde Hunde, die Rute zwischen den Schenkeln eingeklemmt, den Kopf gesenkt – eingeschüchtert, ängstlich. So manch einer wurde mehr oder weniger rabiat zum Ring gezerrt (warum schreiten da eigentlich die Ringrichter nicht mal ein?). Nicht wenige pinkeln vor Aufregung – rund um den Ring häufen sich die Pfützen, das hysterische Kläffen einiger Fellfreunde auch. Selbst Nicht-Hundeerfahrene erkennen sofort: Hundespaß sieht anders aus.

Und dann im Ring selber. Ich will gar nicht wieder das Fass zum Thema Qualzuchten aufmachen (darüber schrieben wir ja bereits in WUFF 05/2016). Ich will auch gar nicht über die ­aufgepuschelten, überfrisierten und mit Abdeckstift bearbeiteten Hunde schreiben – über Geschmack lässt sich ja bekanntlich nicht streiten. 😉 Aber wie die Hunde dort teilweise an der Show-Leine würgend geführt werden, damit ja der Kopf oben bleibt. Bei manch einem wirkte der Gang in etwa so natürlich wie der eines Models auf dem Catwalk. An so mancher Rute wurde gezogen, damit die ja auch hübsch nach oben zeigt. Dabei hätten einige Hunde sie aber viel lieber zwischen ihren Schenkeln eingeklemmt.

Wollen Halter ihre eigenen Komplexe damit kompensieren, dass ihre Hunde was "reißen", das sie selber nie erreichen würden?

Irgendwie erinnert mich das Ganze ein wenig an die überehrgeizigen Eltern, die ihre Kinder aufgemotzt und gepimpt zu Castingshows schicken. Und mal ­ehrlich: So mancher der Halter(innen) hätte viel mehr eine Typberatung gebraucht als ihr Hund. 🙂

Aber wirklich erschrocken war ich darüber, was ich teilweise hinter den Hallen erlebte … Ich meine jetzt nicht die Tränen, die einige vergossen haben – das ist ja noch harmlos. Aber so mancher gefrustete Aussteller ließ seinen Unmut über die schlechte Benotung seinen Hund spüren. Einmal sah ich an mir vorbeigehend, wie eine für die Show stark geschminkte Halterin im Glitzerkostüm ihren Hund mit dem Luftballon schlug. Ich fragte sie mit aller Höflichkeit, die ich angesichts der Situation aufbringen konnte, warum sie das denn täte. Sie blaffte mich sogleich an, ich solle mich nicht einmischen und hätte eh keine Ahnung. Nun, was diese Ausstellungen betrifft, mag es durchaus sein, dass ich keine Ahnung habe. Aber möchte ich das überhaupt, wenn da solche Leute mitmachen? Mein ­Doggen-Wookiee Rico jedenfalls antwortete der Frau mit einem sehr gelassenen, tiefen Beschwerde-Wuffer (schon praktisch so ein Hund, der gern das letzte Wort hat). Ein andermal sah ich bei einem Halter, den ich zuvor im Ring gesehen hatte, wiederholt heftige Leinenrucke – ohne dass der Hund etwas getan hatte. Zwar konnte ich auf die Entfernung die Worte nicht verstehen, aber die Körpersprache und die Töne ließen nur den Schluss zu, dass er mit seinem Hund schimpfte …

Da war der zackige Gang mancher Halter mit finsterem Blick, ihren Hund aber keines Blickes würdigend, direkt zum Auto in die Box, ja geradezu noch zärtlich im Vergleich. Da wundert es mich nicht, dass solche Hunde bei der nächsten Ausstellung, nach solchen negativen Erfahrungen, auch nicht gerade mit Freude und Souveränität den Ring betreten wollen. Und wie es mit dem Vertrauen zum Halter langfristig bestellt sein mag, wenn sich solche Erfahrungen wieder­holen, mag ich mir nicht mal ausmalen.

Muss das sein? Den eigenen übersteigerten Ehrgeiz mit dem Hund erfüllen zu wollen, finde ich schon schlimm genug, aber dann auch noch das Scheitern an ihm auszulassen, das nenne ich an ­dieser Stelle besser mal nicht beim Namen …

Wie wäre es denn bei diesen Ausstellungen, wenn man ein paar Tierschutz-­Beauftragte bestimmt, die solch ein Verhalten ahnden – beispielsweise auch mit Punkteabzug bei der Endwertung? Okay, zugegeben, der Gedanke ist nicht wirklich zu Ende gedacht. Aber es kann doch nicht sein, dass wir diese wunderbaren Tiere, die selbst dann noch ihren Halter über alles lieben, dafür quälen, nur weil sie nicht genug Punkte geholt haben. Ihr Wert bemisst sich doch nicht nach einem Ausstellungsergebnis – oder doch?

Klar, es gibt auch echte Rampensäue ­unter den Hunden. Es sind halt Indi­viduen. So manch einer schien die Show und die Aufmerksamkeit geradezu zu genießen. Ich nehme mal an, dass diese Hunde auch keine Repressalien zu befürchten haben, wenn das Ergebnis halt nicht so dolle ausfällt. Ihre Halter lieben sie dennoch – oder gerade deswegen (und das spüren ihre Hunde auch dank der Stimmungsübertragung!). Offenbar machen sie mit nach dem olympischen Motto: „Dabei sein ist alles.“ Sie sehen es wohl einfach als lustigen Spaß und als gemeinsames Erlebnis mit ihrem Hund.

Anmk.: Dieser Artikel erschien zuerst in meiner Kolumne in WUFF - Das Hundemagazin 02/2018; parallel dazu erschien auch unser Blogbeitrag Freundschaft bemisst sich nicht nach Punkten!

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Samstag, 30. Januar 2021

Einfache Kommunikationsmodelle taugen nichts …

Viele Hundehalter und Hundetrainer haben bei der Kommunikation mit ihrem Hund noch ein einfaches Sender-Empfänger-Modell im Kopf. Doch das ist veraltet und verdeutlicht viele Reaktionen der Hunde nicht. So erklärt sich auch so manches Kommunikationsproblem mit dem Hund. Da unsere Vierbeiner soziale Wesen sind, sollten wir daher komplexere Kommunikationsmodelle verwenden …

Ich wundere mich immer wieder bei unseren Gassi-Begegnungen und ­Recherchen, wie viele Halter, aber – und das ist noch seltsamer – auch Hundetrainer mit dem veralteten Sender-Empfänger-Modell der Kommunikation hantieren. Dieses von den beiden Mathematikern Claude E. Shannon und Warren Weaver (daher auch Shannon-Weaver-Modell genannt) Ende der 40er Jahre des 20. Jahrhunderts entwickelte Modell war in der Kommunikationswissenschaft bereits Mitte der 50er nicht mehr en vogue. Stellt es doch den Sender zu sehr in den Vordergrund und berücksichtigt weder die Botschaft, noch was der Empfänger damit anstellt. Dabei muss man gar nicht erst Kommunikationswissenschaftler sein; ein Blick in Wikipedia unter Kommunikationsmodelle genügt schon: „Das ­Shannon-Weaver-Modell orientiert sich an technischen Aspekten der Signalübertragung. […] Deshalb ist dieses Modell zur Beschreibung sozialer Kommunika­tionsprozesse nicht geeignet.“

Kommunikation zwischen Hund und Halter
Kommunikation zwischen Hund und Halter
Foto: Lutz Borger

Angesichts der sozialen Natur unserer Hunde ist es daher für mich nicht nachvollziehbar, warum so mancher damit noch arbeitet. Es degradiert diese wunderbar komplexen, sozialen Wesen quasi zu Radioempfängern. Und welcher Halter kennt das nicht: Trotz gleichem Befehl reagieren Hunde auch mal anders – sie sind also alles andere als bloße Signalempfänger. Die intendierte Wirkung ist eben nicht gleich der tatsächlichen. So müsste es aber nach dem Sender-Empfänger-Modell jedoch sein.

Klar, das Sender-Empfänger-Modell besticht durch seine Einfachheit. Wohl daher benutzen es auch heutzutage immer noch viele. Aber so bequem das auch sein mag, so fatal kann es beim Verständnis der Kommunikation mit unseren Hunden sein. Interaktionistische Kommunikationsmodelle sind da zur Analyse und Erklärung wesentlich geeigneter. Nehmen wir mal beispielsweise den Transaktionalen Ansatz nach Werner Früh und Klaus Schönbach (meiner persönlichen Meinung nach eignet er sich am besten für die Kommunikation zwischen Hund und Mensch und ist nicht ganz so kompliziert wie andere Modelle): Er integriert Wirkungs- (Stimulus-Response, S-O-R) und Nutzen­ansatz (Uses and Gratification), indem sowohl der Kommunikator als auch der Rezipient als aktive und als passive Kommunikationsteilnehmer verstanden werden.


Es ergänzt die Kommunikation zwischen zwei Wesen, auch Inter-­Kommunikation genannt, noch um die Ebene der ­Intra- Kommunikation – also des eigenen internen Kommunikationsprozesses, der Verarbeitung der eingehenden Signale anhand der Situation, des Erlernten, des Erfahrenen, aber auch der Emotionen und Mentalitäten.

Schließlich wissen wir ja schon lange, dass unsere Hunde nicht so dumm sind und Situationen durchaus unterscheiden können. Nicht selten klappt so manche Übung auf dem Trainingsplatz, doch in freier Wildbahn eben nicht. Oder denken wir nur daran, dass unsere Hunde manchmal einen Hund anbellen und manchmal nicht. Zum einen kommt es natürlich auch auf die Signale an, die der andere Hund sendet; aber vielfach kommt auch die so genannte Reiz­akkumulation zum Tragen. Auch hier finden interaktionistische Kommunikationsmodelle – im Gegensatz zum Sender-Empfänger-Modell – einen Grund: Denn auch wenn die Inter-Kommunika­tion zwischen Halter und Hund die gleiche sein mag, so ist die Intra-­Kommunikation des Hundes nun in dem Augenblick eine andere.

Denn die Realität ist ja bekanntlich ein Konstrukt. Nicht zuletzt basiert sie auf der Wahrnehmung. Und diese ist aufgrund der anderen Sinnesprioritäten beim Hund (anders als bei uns Menschen orientieren sich Hunde ja stärker an Gerüchen) dann eine ganz andere. Ihre Realitätskonstruktion ist folglich eine ganz andere.

Neben Inter- und Intra-­Kommunikation berücksichtigen interaktionistische Ansätze auch eine Feedback-Schleife. Auf die Kommunikation zwischen Hund und Halter wäre hier (unter anderem) das weite und wichtige Feld der Stimmungsübertragung zu verorten – oder wie es das Döggelchen Rico in unserem Blog gerne flappsig-metaphorisch nennt: semi-telepathische Verbindung. 😉

Kommunizier mit mir - aber richtig!

Sicher, diese Kommunikationsmodelle wurden ursprünglich für die menschliche Kommunikation entwickelt. Aber meiner Ansicht nach eignen sie sich ganz allgemein bei der Kommunikation zwischen sozialen Wesen – nur die Signale, also quasi die „Sprache“ ändert sich. Wir sollten endlich anfangen, unsere Hunde als individuelle und soziale Wesen wahrzunehmen. Als wesentlichem Bestandteil kommt der Kommunikation da eine maßgebliche Rolle zu. Und als soziale Wesen sollten wir sie auch dabei ernst nehmen und nicht nur als reine Empfänger unserer zuweilen doch recht widersprüchlichen Signale. Es ist für mich daher immer ein kleines Wunder, wenn Hunde uns „felllose Primaten“ dennoch verstehen. Eine Eigenschaft, die wir oft nicht mal innerhalb der eigenen Art schaffen.



Anmk.: Dieser Artikel erschien zuerst in meiner Kolumne in WUFF - Das Hundemagazin 01/2018; parallel dazu erschien auch unser Blogbeitrag Nehmt uns Hunde als Kommunikationspartner ernst!


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Im GASSIREPORT findet ihr immer Hunde-Geschichten in Text, Bild und Video - mal amüsant, informativ, kritisch, kontrovers oder satirisch, aber immer authentisch! Daneben gibt es auch andere Projekte, wie z.B. die GASSIREPORT-Treffen u.Ä. Das alles kostet Herzblut, Zeit und Arbeit. Für euren Support erhaltet ihr tolle Prämien. Und so unterstützt ihr Leser den GASSIREPORT: 

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