Sonntag, 12. September 2021

„Helikopter-Halter“ … verhindern eine gesunde und soziale Entwicklung ihrer Hunde

Ähnlich wie die schon länger bekannten Helikopter-Mütter, so verwehren die Heli-Halter ihren Hunden, eigene Erfahrungen zu machen. Auch wenn es gut gemeint ist, die logische Konsequenz dieser geistigen Kasteiung: Unerfahrene und daher auch unsichere Hunde, für die jede Hundebegegnung zum Stressfall wird und das Gassigehen schon Angst einflößt.

Entspannt laufen wir auf den Düsseldorfer Rheinwiesen. Da kommt uns eine Dame mit Hund entgegen. Nichts Ungewöhnliches hier, denn es herrscht unterhalb des Deiches kein Leinenzwang, daher ist es auch weit über die Grenzen der Stadt als Gassigebiet beliebt. Daher wunderte ich mich auch nicht, dass ihr Hund nicht angeleint war. Mein Döggelchen Rico war es ja auch nicht. Doch dann schrie sie plötzlich wild auf. Wegen der Entfernung verstand ich ihr hysterisches Gekreische zunächst nicht. Als ich näher kam, lief Rico bereits auf ihren Hund zu, der sich sichtlich freute, einen Spielgefährten zu treffen. Jetzt verstand ich auch endlich ihre Worte, die sie in einer Tonlage schrie, die in etwa so angenehm war wie das Kratzen einer Gabel auf dem Teller: „Rufen Sie gefälligst Ihren Hund zurück!“ Etwas verwundert, befanden wir uns doch in einer ausgewiesenen Freilauffläche, fragte ich nach dem Warum. Ihre Antwort: „Ich möchte nicht, dass mein Hund mit anderen Hunden Kontakt hat. Das ist mir zu gefährlich.“

Hunde wollen und brauchen den Kontakt zu Artgenossen
Foto: Lutz Borger

War das wieder einer dieser „Helikopter-Halter“, die ihrem Hund jeglichen Kontakt mit Artgenossen verwehren und ihm nicht erlauben eigene Erfahrungen zu machen? Aber vielleicht war der Hund ja auch alt oder krank … Daher sagte ich ihr, dass sie sich hier auf einer Freilauffläche befände, es daher nur logisch und somit vorhersehbar wäre, dass sie hier anderen frei laufenden Hunden begegnen würde. Aber Logik schien nicht so ihr Hobby zu sein. „Ja, ich weiß und das nervt mich auch. Also nehmen Sie Ihren Hund gefälligst jetzt an die Leine!“ Der Befehlston weckte jetzt nicht gerade meine „freundlich-kooperative“ Ader, zumal die Dame wohl zu der Sorte ­gehörte, die dachte, dass die Welt sich um sie dreht. Daher antwortete ich: „Gute Frau, auch wenn Logik nicht so Ihr Hobby ist, wenn Sie keine Hundebegegnungen wollen, sollten Sie gefälligst nicht auf eine Freilauffläche kommen und anderen mit Ihrem Ultraschall-Gekreische das Trommelfell perforieren.“

Während die Dame noch um Luft und Worte rang, schlenderten das Döggelchen Rico und ich weiter (den ich nun zu mir gerufen hatte, auch wenn mir der in freudiger Erwartung hüpfende und jaulende Hund der Frau leid tat). Solche und ähnliche Begegnungen häufen sich in letzter Zeit. Offenbar werden es immer mehr dieser Helikopter-Halter. Okay, ihre Motivation ist häufig gut gemeint: Sie wollen möglichen Schaden von ihren Hunden abwenden. Kann ich sogar ­nachvollziehen, schließlich mache ich mir um meinen kleinen Doggen-Wookiee ja auch schon Sorgen, wenn er nur einmal zu viel hustet. Aber nur weil etwas gut gemeint ist, muss es nicht auch gut und richtig sein – das ist zwar eine Binsenweisheit, aber offenbar eine, die viele Hundehalter dieser Sorte nicht kennen. Schließlich nimmt man dem Hund damit die Möglichkeit, eigene Erfahrungen zu sammeln und daran auch zu wachsen. Ja, mehr noch, im Extremfall verhindert es die Sozialisation mit seinen ­Artgenossen.

Spielen mit einem Hundekumpel macht ja so viel Spaß
Foto: Brigitte Klemke


Offenbar haben die nie was von den so genannten Kaspar-Hauser-Versuchen gehört – dabei kann man es einfach in Wikipedia nachlesen. Die gab es nicht nur bei Tieren, sondern auch bei Menschen. Ziel war es, angeborene Verhaltensweisen zu erkennen – also diejenigen, die genetisch verankert waren. Bei Tieren besonders umstritten waren dabei die Versuche an Rhesusäffchen. Die Konsequenzen dieser Deprivation (vom lateinischen deprivare=berauben – auch diesen Begriff kann man in Wikipedia nachlesen) kann man sich lebhaft vorstellen. Bei Menschenkindern führte das – gelinde gesagt – zu Verhaltensauffälligkeiten – oder auf den Punkt gebracht: zu geistigen Störungen.


Bereits im Altertum berichtete Herodot von Experimenten an Kindern. Es war der Pharao Psammettich I., der die Ursprache der Menschen erfahren wollte. Er gab einem Hirten zwei neugeborene Kinder und befahl, diese so aufzuziehen, dass sie niemals ein gesprochenes Wort vernehmen sollten. Er wollte auf diese Weise herausfinden, in welcher Sprache die Kinder zuerst ein Wort sagen würden. Die Geschichtswissenschaft verortet diese Geschichte ins Reich der Mythen, aber sie zeigt auch, dass es solche Experimente gegeben haben muss (wenn auch wahrscheinlich nicht vom besagten Pharao). Im 13. Jahrhundert war es dann Kaiser Friedrich II., der die Ursprache mit ähnlichen Versuchen finden wollte. Deshalb ließ er einige neugeborene Kinder ihren Müttern wegnehmen und an Pflegerinnen und Ammen übergeben. Sie sollten den Kindern Milch geben, dass sie an den Brüsten saugen könnten, sie baden und waschen, aber keinesfalls mit ihnen kosen und zu ihnen sprechen. Das Ergebnis: Die Kinder starben.

So mancher gluckenhafte Helikopter-Halter gehört auf die psychologische Couch... 😉😂


Okay, sicher, jeder Vergleich mit Menschen hinkt natürlich. Aber beide, Mensch und Hund, sind soziale Wesen. Nimmt man ihnen das, so läuft einiges in deren Entwicklung falsch. Nicht zuletzt deswegen waren die Experimente von Harry Harlow an jungen Rhesusaffen stark umstritten. Denn soziale Wesen brauchen sozialen Kontakt und Zuwendung. Ohne das verkümmern sie. Also liebe Heli-Halter, denkt mal darüber nach, bevor ihr euren Hund quasi geistig kastriert. Auf jeden Fall beschneidet ihr seine Lebenstauglichkeit!


Und es heißt ja nicht umsonst, dass Hunde, die viele unterschiedliche Erfahrungen gemacht und viele unterschiedliche Artgenossen kennen gelernt haben, die entspannteren Fellfreunde sind. Ist ja auch irgendwie logisch: Denn je mehr wir erfahren und lernen, umso weniger können neue Situationen Angst machen und umso selbstsicherer reagieren soziale Wesen wie unsere Hunde darauf.


Anmk.: Dieser Artikel erschien zuerst in meiner Kolumne in WUFF - Das Hundemagazin 09/2018; parallel dazu erschien auch unser Blogbeitrag Aus Angst verbieten Helikopter-Halter ihren Hunden den Kontakt zu anderen, doch Angst ist ein schlechter Ratgeber


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Donnerstag, 9. September 2021

Doppeltes Jubiläum: Eine neue Hunde-Phase beginnt

Vor 9 Jahren trafen wir aufeinander - nur 1 Jahr später startete unsere GASSIREPORT (daher auch doppeltes Jubiläum). Vom ersten bewussten Augenblick hat Rico mein Leben verändert. Sogleich weckte er in mir Facetten, die ich nur noch als leise Erinnerung in mir trug. Die Welle an Gefühlen und Erinnerungen war bei unserem ersten Zusammentreffen so groß, so gewaltig, fast wie ein emotionaler Tsunami, dass mir Tränen aus den Augen kullerten (zum Glück trug ich eine Sonnenbrille). Ich wusste, nein spürte es sogar: Du bist was Besonderes!

Viel haben wir zusammen erlebt. Du lerntest die pulsierende Stadt und das platte Land kennen; warst am Meer, im Moor, auf Messen; hast die unterschiedlichsten Hunde beschnüffelt usw. Doch bei allem was ich dir zeigte und dir beibrachte, irgendwie hab ich jedes Mal mehr gelernt als du. So gesehen, bist du sogar mehr mein Lehrer als ich für dich.

Seit nun 9 Jahren ein Team! 🐾🐾👍

Damals gab ich dir ein Versprechen: Ein Leben für ein Leben! Ich zeige dir meine Welt, dafür du mir deine.
Ich opferte mein bis dahin geführtes Leben, damit ich es mit deinem teilen kann. Kündigte sogar meinen Job. Ob ich es bereue? Nein, niemals, auch wenn es manchmal schwierige Zeiten waren, sowohl beruflich, als auch privat - aber was ich durch Rico erlebte und lernte wiegt alles auf.

Der graue Rico

Mittlerweile sind wir so zusammengewachsen, dass jeder den anderen spürt, als wäre er ein Körperteil. Schlafe ich tief und fest, bekomme ich nichts mit, doch er schafft es nur mit einem Blick mich zu wecken. Rico ist sowas wie ein anaimalischer Bruder für mich. Grau ist er geworden, so langsam zeigt sich auch das Alter. Alles geht nun etwas langsamer, lange Tagesmärsche sind nicht mehr so sein Ding - und ein wenig kauzig wird er auch lagsam. Dank Ricos charmanten Art ist diese Kauzigkeit aber noch recht amüsant... Zumal die sich meist eh in deinem Umgang mit Leon zeigt.

Apropos Leon: Er kam zwar nicht im September zu uns, dennoch feiert er mit. Denn so anders er auch ist, dennoch ist er eine große Bereicherung für unser Rudel. Immer wieder schaue ich zu, wie Rico mit ihm umgeht und wie er ihn auch mal zurechtweis - zugegeben: nicht ohne einen gewissen Stolz. Nein, nicht auf mich, sondern auf Rico. Ohne ihn, hätte ich den kleinen Wirbelwind, den Molosser auf Speed und Dreifach-Dickschädel mit Ambitionen zur Abrissbirne nicht so gut hinbekommen (obwohl wir noch zahlreiche Baustellen haben!).

Leon ist längst Teil des Rudels...

Mir ist durchaus klar, dass wir nun weniger gemeinsame Jahre vor uns haben, als wir zurück blicken. Doch daran denke ich noch nicht. Lieber konzentriere ich mich auf dich, genieße jeden Tag mit dir und lerne immernoch Neues. Und so feier ich mit dir unser doppeltes Jubiläum und freue mich auf diese neue Phase mit dir, mein alter Bruder Rico.


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Mittwoch, 25. August 2021

Erkenntnisgewinn durch Perspektivwechsel

Im Gespräch mit dem Filmtier- und Hundetrainer Dirk Lenzen


WUFF Gassireporter Maximilian Pisacane traf sich mit dem Filmtier- und Hundetrainer Dirk Lenzen zum Gespräch. Es geht um ein mehrperspektivisches Hundeerziehungs-Buch, in dem Trainer, Halter aber auch der Hund zu Wort kommen. Hundeerziehung aus Hundesicht? Spannend.

Als uns der Filmtier- und Hundetrainer Dirk Lenzen im vergangenen Jahr von seinem Projekt erzählte, waren wir schon schnüffelgespannt: Ein mehrperspektivisches Hundeerziehungs-Buch, in dem Trainer, Halter aber auch der Hund zu Wort kommen sollen. Klar fand ich das interessant, schreiben wir doch in unserem Blog auch oft aus der Hundeperspektive, um dem Leser so auf humorvolle Weise das Sich-Hineinversetzen näher zu bringen. Als das Buch „Wenn Hunde sprechen könnten und Menschen richtig zuhören“ nun vor Kurzem erschien, trafen wir Dirk auf dem Gelände seiner Hundeschule „animalstar“ zu einem netten Plausch. Ein bekanntes Filmprojekt, bei dem Dirk mitgewirkt hat, war beispielsweise der Hollywood-Streifen „Walküre“ mit Tom Cruise, aber auch im TV arbeitet er mit, wie beispielsweise bei diversen „Tatort“-Serien (Köln, Münster, Dortmund, Frankfurt a.M.) oder bei den Sendungen „Ladykracher“, „Knallerfrauen“, „switch reloaded“ etc. Zu seinen Kunden zählen unter anderem auch Faber-Castell, Henkel, Bosch oder Mercedes.

Sich in den anderen hineinversetzen - DAS ist die hohe Kunst des Verstehens.
Foto: Lutz Borger

Im Gespräch mit Dirk Lenzen


Pisacane: Da ich ja selber in unserem Blog auch mal satirisch aus Hundeperspektive schreibe, interessiert mich brennend: Wie hattest du die Idee zu dem Buch? Vor allem – es aus drei Perspektiven (Hundetrainer, Halter und Hund) zu verfassen?

Lenzen: Mein Co-Autor, ein früherer Kunde, und ich hatten die Idee gemeinsam. Eigentlich haben wir über viele Projekte nachgedacht, aber wir entschieden uns für dieses Buch, da wir fanden, dass es am Verständnis für den Hund mangelt. Und bei meinen Workshops erkläre ich auch immer schon aus der Sicht des Hundes. Da bot sich das geradezu an. Zumal es so ein Buch in der Form noch nicht gab. Zwar gibt es durchaus Bücher, wo Hunde auch zu Wort kommen, aber eben nicht im Bereich Hundeerziehung. Und durch das Buch und die Recherche dazu haben wir noch mehr Material und Ideen gesammelt – mal sehen, was wir daraus als Nächstes entwickeln.

Dirk Lenzen mit Rico

Pisacane:
Hunde sind Makrosmatiker, wir Menschen orientieren uns eher optisch. Inwiefern können wir uns überhaupt bei so einer unterschiedlichen Wahrnehmung der Umwelt in Hunde hineinversetzen? Stoßen wir da nicht auch an physische Grenzen?

Lenzen: Natürlich, ja, es gibt da keine 100 Prozent. Dennoch finde ich, ähnlich wie du es ja auch in deinem Blog öfter schreibst, dass man es dennoch versuchen sollte, sich in den Hund hineinzuversetzen. Es geht eben nicht nur darum, dass der Hund auf einen achtet, sich an seinem Halter orientiert, sondern eben auch, dass wir Menschen mehr auf unsere Hunde achten. Er darf dabei nicht zu kurz kommen!

Pisacane: Durch gegenseitiges Verstehen kommt auch Verständnis. Und für das gegenseitige Verständnis bedarf es aber Wissen, ähnlich wie bei den Vokabeln einer Fremdsprache, als auch Empathie. Ersteres können Hundetrainer und Bücher vermitteln, aber bei Zweiterem können die Meisten nicht weiterhelfen, oder?

Lenzen: Bücher vermitteln die allgemeinen Situationen, aber man muss das bei Hunden natürlich individuell sehen. Denn jeder Hund ist anders. Man sollte Bücher lesen, um sich zu informieren, aber immer auch die eigene individuelle Situation im Auge behalten und das Gelesene transferieren. Hier setzt der Hundetrainer ein.
Dafür habe ich auch die Workshops mit Lesung entwickelt. Einige Kapitel, die sich dafür eignen, werden so auch in der Praxis geübt. Der Halter bekommt durch die Übung nicht nur eine andere Perspektive aufgezeigt, sondern durch das Training und das größere Verständnis für seinen Hund meist auch mehr Selbstsicherheit und Vertrauen in seinen Hund. Ich kann natürlich jemandem auch nicht Empathie vermitteln, wenn er Null davon hat, aber man kann den ein oder anderen anstupsen und auf neue Gedankengänge bringen, die die Empathie dann wecken.



Pisacane: Du beschreibst in deinem Buch fünf Halter-Typen. Müssten vollständigkeitshalber nicht auch ein paar „Hunde-Typen“ aufgelistet werden?

Lenzen: Ja, da hast du Recht. Aber eigentlich habe ich ja indirekt mehrere beschrieben, bei jedem Fall-Beispiel beschreibe ich auch verschiedene Hundetypen, benenne sie nur nicht. Ich wollte so beim Leser den Effekt erreichen, dass der sich denkt: „typisch meiner!“, ohne dem direkt einen Stempel aufzudrücken.

Pisacane: Was sind denn die häufigsten Fehler in der Hundeerziehung?

Lenzen: Ganz einfach: Dinge zu persönlich nehmen, vor allem wenn wir dadurch in peinliche Situationen geraten, ob zu Hause oder auf der Straße oder in Wald und Wiese. Am häufigsten sind Fehlinterpretationen, wie beispielsweise: „Das hat er absichtlich gemacht! Um mich zu ärgern …“ Nicht selten habe ich dabei beobachtet, dass der Hund das ganz und gar nicht macht, um seinen Halter zu ärgern, sondern einfach nur, weil er einen, wenn auch kurzfristigen Vorteil für sich sieht.

Gerade bei Fehlinterpretationen spielen viele Faktoren eine Rolle: Nehmen wir nur mal das rassebedingte Aussehen, beispielsweise eine Dogge und ein Malinois, die nebeneinander sitzen – beide wirken völlig unterschiedlich: Der Malinois eher aufgeweckt, die Dogge eher gemütlich. Aber schaut man sich deren Körpersprache an und lässt sich nicht von deren rassetypischem Aussehen zu Fehlinterpretationen verleiten, dann kann in dem Moment die Dogge sehr aufgeweckt sein und der Malinois eben gerade schlapp oder abgelenkt.

Oder nehmen wir doch nur die ganzen Sympathieträger mit hellem Fall oder dem niedlichen Fleck an einem Auge – die werden viel öfter positiv interpretiert als beispielsweise schwarze oder gestromte Hunde. Wie heißt es doch so schön bei uns Menschen: Kleider machen Leute – und Fell ist eben auch nur eine Form von „Kleid“.

Viele erziehen auch den ganzen Tag an ihrem Hund rum, aber leider bleibt das Grenzen-setzen dabei oft auf der Strecke. Klar kann das auch bei dem ein oder anderen Hund gut gehen, aber das funktioniert meist nur bei sehr unterwürfigen und futterorientierten Hunden.

Pisacane: Ich habe den Eindruck, dass einer der häufigsten Fehler bereits bei der Anschaffung begangen wird: Viel zu selten scheinen sich die Leute zu fragen, ob der Hund zu ihnen passt – beispielsweise was Rasse (oder seine Mischung), Geschlecht, Größe etc. angeht. Wie ist deine Erfahrung dazu? Und wie kann man deiner Meinung nach entgegenwirken?

Lenzen: Ja, stimmt, hast Recht. Es gibt viel zu wenige Menschen, die eine Beratung VORHER buchen, gerade auch Erst-Hundehalter. So fällt das Kind meist schon in den Brunnen, bevor sie sich Hilfe suchen. Wie man dagegenwirken kann? Gute Frage … Wenn ich da was wüsste, würde ich es anbieten. (lacht) So bleibt nur die mühselige Aufklärung, wie ich mit meinem Buch oder durch Magazine wie die WUFF oder Du mit Deinem Blog. Und so die Leute zum kritischen Nachdenken zu animieren.

Pisacane: Du beschreibst auch 20 Alltagssituationen, die wohl jeder Halter mehr oder weniger kennt – ebenfalls aus verschiedenen Perspektiven – und gibst dazu dann Lösungstipps. Nun sind Hunde ja Individuen und nicht dumm; zuweilen finden sie recht originelle „Lösungswege“. Ein Beispiel: Dem kleinen Doggen-Wookiee Rico konnte ich erfolgreich das Kotfressen abgewöhnen – zumindest solange ich aufpasse. Erwische ich ihn doch mal bei der Absicht zuzubeißen, weil er denkt, ich wäre abgelenkt, reagiert er auf das Pfui zunächst, indem er aufschaut und sich dann darin wälzt – selbstverständlich um danach mit einem zufriedenen Blick mir auf der Meta-Ebene mitzuteilen: „Hey Alter, was willste? Hab‘s doch nicht gefressen.“ Die Frage ist daher: Kann man überhaupt Patentlösungen geben, bei so vielen unterschiedlichen Hundecharakteren und dem Erfindungsreichtum unserer Fellfreunde?

Lenzen: (lacht) Ja stimmt. Für individuelle Lösungen mache ich ja die Workshops, da kann ich auch auf die unterschiedlichen Hund-Halter-Konstellationen eingehen. Schließlich kannst du nicht alle über einen Kamm scheren, schon weil die Hunde unterschiedlich reagieren. Es sind Hunde dabei, die muss ich am Ende loben, andere wiederum umlaufen die Wurst, um mir zu zeigen: da liegt was.

Um diesem individuellen Charakter der Hunde Rechnung zu tragen, zeige ich in meinen Workshops verschiedene Trainingsmethoden – denn nicht jede Methode passt zu jedem Hund. Ich unterscheide ja auch zwischen unterwürfigen und eher kernigen Hunden, die müssen auch unterschiedlich trainiert werden.

Was den Erfindungsreichtum angeht, da gebe ich dir Recht. Was das angeht, da werden Hunde auch oft unterschätzt. Daher sage ich immer nach jedem Training, dass sie ihren Hund weiterhin beobachten sollen. Und wenn er dann ein anderes Verhalten zeigt, müssen sie ­darauf reagieren.

Pisacane: Und wie findet man da das richtige Maß?

Dirk Lenzen und Rico

Lenzen:
Das gehört sicher zu den größten Schwierigkeiten. Dass man sich da auch mal vertut, dagegen ist kein Halter, aber auch kein Trainer gefeit. Es gibt Momente, da ist eine Korrektur übertrieben, aber dafür auch mal untertrieben – Gleiches gilt fürs Loben. Es gibt halt keine „Karte“, die Verständigung zwischen Hund und Mensch ist dafür zu grobkörnig. Doch solange man nicht in Extreme verfällt, ist es auch nicht schlimm, wenn wir mal das Maß in die eine oder andere Richtung ein wenig übertreiben – Hunde verzeihen uns da sehr viel.

Pisacane: Danke für das Gespräch.


Anmk.: Dieser Artikel erschien zuerst in meiner Kolumne in WUFF - Das Hundemagazin 08/2018; parallel dazu erschien auch unser Blogbeitrag Interview mit dem Filmtier- und Hundetrainer Dirk Lenzen über sein neues Buch, worin auch Hunde zu Wort kommen


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Mittwoch, 21. Juli 2021

Das schlechte Image von Hundehaltern ist hausgemacht

Bald ist Urlaubszeit und viele nehmen ihre vierbeinigen Familienmitglieder mit. Doch leider benehmen sich einige Halter dermaßen daneben, dass so mancher Anbieter die Lust verliert. Auch wenn es nicht die Mehrheit sein mag, so werfen genau diese Halter ein schlechtes Licht auf alle.

Der „gemeine Hundehalter“ hat ja nicht gerade das beste Image. Vieles davon ist leider hausgemacht. Wenn ich da nur an die vielen Horror-Storys denke, die mir die Betreiber von Hotels und Ferienwohnungen erzählen, wenn wir unterwegs sind, wundert es mich, dass überhaupt noch jemand Hunde und ihre Halter als Gäste aufnimmt.

Wir Hunde können für das schlechte Image nichts, das seid ihr Halter selber schuld...
Foto: Lutz Borger

Da springen die nicht erzogenen Fiffis über Betten und Sofas – die umfallenden Vasen sind da nur der Collateralschaden. Da muss jemand unbedingt seinen Hund duschen, der das ganz offensichtlich nicht mag und offenbar auch nicht kennt – was die vielen Kratzspuren in der Wanne belegen. Oder auch der nach einem Besuch einer Marslandschaft ähnelnde Garten. „Der Garten ist ja auch für die Hundebesucher gedacht, aber nicht um ihn völlig umzupflügen. Mehrere Säcke Erde musste ich kaufen, um die teils einen halben Meter tiefen Löcher wieder zuzuschütten – schon damit sich die folgenden Gäste nicht verletzen“, ­berichtete mir eine Betreiberin einer ­Ferienwohnung.

Was ist nur los mit solchen Hundehaltern? Ist es ein grenzenloses Anspruchsdenken und purer Egoismus? Dann bedienen sie damit genau das negative Image, welches viele von Hundehaltern haben. Sicher, ich weiß auch, dass gerade die Negativ-Beispiele im Gedächtnis haften bleiben. Aber auch wenn es nicht die Mehrheit sein mag, so determinieren diese negativen Erfahrungen auch menschliche Handlungen. Nicht selten entscheiden sich eigentlich hundefreundliche Anbieter von Hotel- und Gästezimmern dann um und verbieten Hunde oder beschränken zumindest deren Anzahl.

Dabei geben sich viele
Hotels so viel Mühe...
Schaut man auf den einschlägigen Webseiten für Urlaub mit Hund nach, bestätigt sich das. Die meisten Anbieter akzeptieren einen oder auch zwei Hunde – doch spätestens mit drei Fellfreunden (noch dazu von den Ausmaßen unserer Rudelmitglieder) wird es schon schwieriger. „Bei mehr Hunden ist die Gefahr einfach zu groß“, verrät mir ein Anbeiter, „wenn das dann einer der Halter ist, die ihren Hund nicht erzogen und sozialisiert haben, dann haben wir als Betreiber und die nachfolgenden Gäste Pech gehabt“.

Dabei wird den Hunden gar kein Vorwurf gemacht: „Die zeigen halt nur die Defizite, die ihnen ihre jeweiligen Halter eingebrockt haben“, erklärt ein Hotelbetreiber. Die Anbieter von Unterkünften mit Hund sind dabei alles andere als realitätsfremd: „Wenn man auch Hunde als Gäste akzeptiert, muss man schon eine höhere Toleranzschwelle haben und ganz klar, da kann auch mal was zu Bruch gehen – das sind halt Unfälle, damit muss man rechnen. Aber wenn der Hund sich ungezogen verhält und dann der ­Halter nicht die geringsten Anstalten macht, das zu unterbinden, das ist schon mehr als unverschämt.“ Wie so oft liegt das Problem mal wieder am anderen Ende der Leine …

Ist es wirklich so schwierig, die banalsten Anstandsregeln zu beachten? Es geht hier nicht um das Einhalten irgendwie gearteter Benimmregeln, die einige mit kindischem Gemüt auch gern ohne Argumentation als „spießig“ deklarieren – wahrscheinlich machen sie das eh nur, um von ihrer mangelnden Erziehung abzulenken. Vielmehr geht es um den Respekt und die Rücksichtnahme, wie sie sich auch im Umgang (auch den Umgangsformen!) miteinander (und mit fremdem Eigentum) widerspiegelt. Denn ohne funktioniert ein Miteinander nicht!

Bei so vielen Anbietern sind Hunde willkommen, denn es sind meist die Halter, die sich nicht benehmen...

Eigentlich ist es ja auch ganz einfach: Man muss sich nur die Frage stellen, was man selber von Gästen nicht möchte, und dann auch selber danach handeln, wenn man Gast ist. Gern würde ich mal solche Leute besuchen, die sich bei anderen daneben benehmen, und denen den Spiegel vorhalten – das wäre sicher ein schelmischer Spaß. Manchmal überlege ich ernsthaft, ob ich dem Döggelchen Rico nicht einen „Ungezogenheits-Modus“ für solche Fälle beibringe. So dass er auf ein Signal hin sich als Hund benimmt wie so mancher Ballermann-Tourist auf Malle (natürlich ohne Sangria-Eimer). Die Vorstellung, wie der kleine Doggen-Wookiee über das volle Buffet springt oder das Dekolletee einer aufgetakelten Proleten-Tussi ausschleckt, treibt mir jedes Mal ein Grinsen ins Gesicht …

Wir haben es daher zur Regel gemacht, wenn wir unterwegs sind und woanders übernachten müssen, immer ein paar Dinge dabei zu haben: Beispielsweise eigene Bettwäsche und Laken oder Decken für Sofas und Bett. Und auch wenn die Reinigung des Zimmers im Preis inbegriffen ist, so fegen wir zumindest mal durch. Auch erkundigen wir uns bei Ankunft, was erlaubt ist und was nicht (nicht selten gibt es so was wie eine „Hunde-Hausordnung“ in den Zimmern bzw. Wohnungen, man muss sie halt nur lesen!).

Mir ist durchaus bewusst, dass es wenig Sinn macht, bei solchen unsozialen Leuten auf Rücksichtnahme und Vernunft zu hoffen. Daher appelliere ich an das, was bei dieser Art Halter am stärksten ausgeprägt ist – ihren Egoismus. Wo wollt ihr denn mit euren Hunden hinfahren, wenn immer weniger Anbieter wegen eures Verhaltens Hunde bei sich aufnehmen? Oder seid ihr bereit, die wegen eures mangelnden Benehmens gestiegenen Preise zu zahlen? Wohl kaum …

Anmk.: Dieser Artikel erschien zuerst in meiner Kolumne in WUFF - Das Hundemagazin 07/2018; parallel dazu erschien auch unser Blogbeitrag An manchen Menschen ist die Evolution und Zivilisation vorbei gegangen


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