Dienstag, 30. März 2021

Hundefitness – Ein gesunder Geist in einem gesunden Körper – das gilt auch für Hunde

Wer rastet, der rostet. Das gilt für unsere Hunde fast mehr als für uns Zweibeiner. Daher brauchen unsere Hunde mehr regelmäßige Bewegung als nur die Runde um den Block. Mit wohldosiertem Workout lassen sich der Alterungsprozess verzögern und auch degenerative Krankheiten abmildern. Und ähnlich wie beim Sport von Menschen, wo Freundschaften geschlossen und der Teamgeist gestärkt wird, so fördert es auch die Bindung zwischen Hund und Halter.

Da, der Baum, er liegt mitten im Wald und hat genau den richtigen Umfang. Ich hüpfe drüber und Rico folgt mir nahezu zeitgleich – nur wesentlich eleganter und geschmeidiger. Auch beim Balancieren über einen Baumstamm macht der kleine Doggen-Wookiee eine bessere Figur als ich. Später erspähe ich einen anderen Baum, seine Rinde ist ideal. In die Rillen drücke ich ein paar Leckerchen – unter den wachsamen Augen des Döggelchens. Kaum gebe ich sie frei, springt Rico auch schon mit seinen Vorderpfoten hoch und knabbert die Leckerchen aus der Borke.

Immer wieder baue ich solche Übungen bei unseren Gassigängen ein. Zum Einen, weil es uns Spaß macht, zum Anderen auch um Rico fit zu halten. Aber reicht das? „Das ist auf jeden Fall schon ein toller Ansatz und auch das, was ich prinzipiell jedem Hundehalter ans Herz lege. Denn so kann ich schon einiges dafür tun, dass Rico „in Bewegung“ bleibt“, sagt mir Martina Flocken von Doggy Fitness, die Webinare zum Thema Hundefitness entwickelt hat. Prima, mache ich also doch nicht alles falsch – so als einfacher, unwissender Halter. Aber wie finde ich das richtige Maß? „Das ist immer individuell – aber deine Übungen hören sich schon einmal gut an. Grundsätzlich macht es Sinn, alle Körperbereiche anzusprechen und dabei zu wissen, was man warum tut“, erklärt mir die Autorin und aus dem Dog Dance bekannte Carmen Heritier, die derzeit zusammen mit der Tierphysiotherapeutin Sandra Rutz an einem Buch zum Thema Hundefitness schreibt (erscheint im April 2018 im Kynos Verlag).



Carmen Hertier mit Rico

Das Toben mit anderen Hunden reicht jedenfalls nicht aus um Hunde fit zu halten, weiß Sandra Rutz: „Es ist eine bequeme Art, den Hund körperlich auszulasten, aber es ist kein gezieltes Training. Das Toben mit anderen Hunden kommt eher einem Ringkampf gleich (Schnellkraft). Dies stellt zwar ein Ganzkörperworkout dar, ist aber voll mit Belastungsspitzen. Die Spielpartner sollten körperlich gleichberechtigt sein und es ist auch sinnvoll, die Hunde vorher ein Stück an der Leine zu lassen, das einem warm up gleich kommt.“

Und ähnlich wie bei uns Menschen, ist Sport auch gesund. So kann gezieltes Training auch degenerative Erscheinungen abmildern, weiß Martina Flocken: „Bei unseren Hunden ist es wie mit uns Menschen: wer rastet, der rostet.“ Ja sogar der Alterungsprozess kann somit verzögert werden, erklärt sie mir. Ähnlich sieht es auch Sandra Rutz: „Wir sorgen mit einem Fitnesstraining für mehr Beweglichkeit, Muskelaufbau und Koordination. Wir verzögern den Alterungsprozess und gleichen bei orthopädischen Defiziten Bewegungseinschränkungen aus.“

Aber nicht nur für den Körper ist so ein Fitnessprogramm gut! Das gemeinsame Trainieren fördert auch die Bindung: „Mein Ansatz des Trainings ist genau dieser: man tut nicht nur etwas für die Gesundheit des Hundes, man verbringt gemeinsame Zeit, stärkt Bindung und Vertrauen und hat gemeinsam Spaß. Deshalb ist es immer wichtig, dass das Training positiv gestaltet wird und Mensch und Hund Erfolgserlebnisse und Spaß haben“, berichtet Martina Flocken. Und auch Carmen Heritier sieht das so: „Gemeinsames Training ist sicherlich förderlich für die Bindung, insbesondere da im Fitnesstraining immer mit positiver Bestärkung gearbeitet werden sollte und die Übungen für den Hund nachvollziehbar und kleinschrittig erarbeitet werden. Das gibt nicht nur ihm ein gutes Gefühl, sondern das gemeinsame Erarbeiten von oftmals ziemlich detailreichen Übungen verbindet immer.“



Nun sollte man aber nicht einfach so wild loslegen. Denn vieles ist zu beachten! So brauchen auch Hunde in der kalten Jahreszeit eine längere Aufwärmphase. Ein vorheriger Gesundheitscheck – ähnlich wie es auch bei Menschen vor dem Start eines neuen Trainings angeraten wird – ist daher sehr wichtig. „Ein kleiner Checkup der bewegenden Strukturen und ein Fitness-Test macht Sinn. Falls schon gesundheitliche Probleme bekannt sind, bitte vorher mit Tierarzt und Physiotherapeut besprechen, welche Übungen nicht in Frage kommen“, rät daher Sandra Rutz.

Nun bestens informiert und auch um einige neue Übungen inspiriert, macht das Training noch mehr Spaß – auch wenn das Döggelchen Rico immer noch die bessere Figur macht als ich. Gut für die Gesundheit ist es allemal und zwar nicht nur körperlich, denn auch für Hunde gilt: „Mens sana in corpore sano.“ (Lat. für „Ein gesunder Geist in einem gesunden Körper.“) Oder wie Carmen Heritier gern Aristoteles zitiert: „Das Leben besteht in der Bewegung.“

Anmk.: Dieser Artikel erschien zuerst in meiner Kolumne in WUFF - Das Hundemagazin 03/2018; parallel dazu erschien auch unser Blogbeitrag Hundefitness - Das leben ist Bewegung

--------------------------------------------

Im GASSIREPORT findet ihr immer Hunde-Geschichten in Text, Bild und Video - mal amüsant, informativ, kritisch, kontrovers oder satirisch, aber immer authentisch! Daneben gibt es auch andere Projekte, wie z.B. die GASSIREPORT-Treffen u.Ä. Das alles kostet Herzblut, Zeit und Arbeit. Für euren Support erhaltet ihr tolle Prämien. Und so unterstützt ihr Leser den GASSIREPORT: 

► Paypal: https://www.paypal.me/gassireport

► Patreon: http://www.patreon.com/gassireport

► Mit jedem Einkauf über unsere Amazon-Links*: https://amzn.to/2SaJ9ON

*Affiliate-Links: Ich werde beim Kauf eines Produktes oder dem Abschluss eines für 30 Tage kostenfreiem Probeabos am Umsatz beteiligt oder bekomme eine Prämie. Für Dich entstehen KEINE Mehrkosten.




Sonntag, 28. Februar 2021

Am Rande von ­Hunde­ausstellungen zeigt sich der falsche Ehrgeiz so ­mancher Halter

Bei Hundeausstellungen spielen sich abseits des Vorführrings Dramen ab: Von der heulenden Züchterin bis hin zur gefrusteten Halterin, die ihre Enttäuschung den Hund im wahrsten ­Sinne des Wortes spüren lässt. Ist das noch ­Liebe zum Hund? Oder nicht doch vielmehr falscher ­Ehrgeiz?

Dramatische Szenen spielen sich am Rande des Ringes ab. Nicht eines Catcher-, Box- oder ­Mixed-Martial-Arts-Rings – da würde es ja noch passen. Nein, am Rande von den Ringen meine ich, die man auf Hundeausstellungen antrifft: Zitternde Hunde, die Rute zwischen den Schenkeln eingeklemmt, den Kopf gesenkt – eingeschüchtert, ängstlich. So manch einer wurde mehr oder weniger rabiat zum Ring gezerrt (warum schreiten da eigentlich die Ringrichter nicht mal ein?). Nicht wenige pinkeln vor Aufregung – rund um den Ring häufen sich die Pfützen, das hysterische Kläffen einiger Fellfreunde auch. Selbst Nicht-Hundeerfahrene erkennen sofort: Hundespaß sieht anders aus.

Und dann im Ring selber. Ich will gar nicht wieder das Fass zum Thema Qualzuchten aufmachen (darüber schrieben wir ja bereits in WUFF 05/2016). Ich will auch gar nicht über die ­aufgepuschelten, überfrisierten und mit Abdeckstift bearbeiteten Hunde schreiben – über Geschmack lässt sich ja bekanntlich nicht streiten. 😉 Aber wie die Hunde dort teilweise an der Show-Leine würgend geführt werden, damit ja der Kopf oben bleibt. Bei manch einem wirkte der Gang in etwa so natürlich wie der eines Models auf dem Catwalk. An so mancher Rute wurde gezogen, damit die ja auch hübsch nach oben zeigt. Dabei hätten einige Hunde sie aber viel lieber zwischen ihren Schenkeln eingeklemmt.

Wollen Halter ihre eigenen Komplexe damit kompensieren, dass ihre Hunde was "reißen", das sie selber nie erreichen würden?

Irgendwie erinnert mich das Ganze ein wenig an die überehrgeizigen Eltern, die ihre Kinder aufgemotzt und gepimpt zu Castingshows schicken. Und mal ­ehrlich: So mancher der Halter(innen) hätte viel mehr eine Typberatung gebraucht als ihr Hund. 🙂

Aber wirklich erschrocken war ich darüber, was ich teilweise hinter den Hallen erlebte … Ich meine jetzt nicht die Tränen, die einige vergossen haben – das ist ja noch harmlos. Aber so mancher gefrustete Aussteller ließ seinen Unmut über die schlechte Benotung seinen Hund spüren. Einmal sah ich an mir vorbeigehend, wie eine für die Show stark geschminkte Halterin im Glitzerkostüm ihren Hund mit dem Luftballon schlug. Ich fragte sie mit aller Höflichkeit, die ich angesichts der Situation aufbringen konnte, warum sie das denn täte. Sie blaffte mich sogleich an, ich solle mich nicht einmischen und hätte eh keine Ahnung. Nun, was diese Ausstellungen betrifft, mag es durchaus sein, dass ich keine Ahnung habe. Aber möchte ich das überhaupt, wenn da solche Leute mitmachen? Mein ­Doggen-Wookiee Rico jedenfalls antwortete der Frau mit einem sehr gelassenen, tiefen Beschwerde-Wuffer (schon praktisch so ein Hund, der gern das letzte Wort hat). Ein andermal sah ich bei einem Halter, den ich zuvor im Ring gesehen hatte, wiederholt heftige Leinenrucke – ohne dass der Hund etwas getan hatte. Zwar konnte ich auf die Entfernung die Worte nicht verstehen, aber die Körpersprache und die Töne ließen nur den Schluss zu, dass er mit seinem Hund schimpfte …

Da war der zackige Gang mancher Halter mit finsterem Blick, ihren Hund aber keines Blickes würdigend, direkt zum Auto in die Box, ja geradezu noch zärtlich im Vergleich. Da wundert es mich nicht, dass solche Hunde bei der nächsten Ausstellung, nach solchen negativen Erfahrungen, auch nicht gerade mit Freude und Souveränität den Ring betreten wollen. Und wie es mit dem Vertrauen zum Halter langfristig bestellt sein mag, wenn sich solche Erfahrungen wieder­holen, mag ich mir nicht mal ausmalen.

Muss das sein? Den eigenen übersteigerten Ehrgeiz mit dem Hund erfüllen zu wollen, finde ich schon schlimm genug, aber dann auch noch das Scheitern an ihm auszulassen, das nenne ich an ­dieser Stelle besser mal nicht beim Namen …

Wie wäre es denn bei diesen Ausstellungen, wenn man ein paar Tierschutz-­Beauftragte bestimmt, die solch ein Verhalten ahnden – beispielsweise auch mit Punkteabzug bei der Endwertung? Okay, zugegeben, der Gedanke ist nicht wirklich zu Ende gedacht. Aber es kann doch nicht sein, dass wir diese wunderbaren Tiere, die selbst dann noch ihren Halter über alles lieben, dafür quälen, nur weil sie nicht genug Punkte geholt haben. Ihr Wert bemisst sich doch nicht nach einem Ausstellungsergebnis – oder doch?

Klar, es gibt auch echte Rampensäue ­unter den Hunden. Es sind halt Indi­viduen. So manch einer schien die Show und die Aufmerksamkeit geradezu zu genießen. Ich nehme mal an, dass diese Hunde auch keine Repressalien zu befürchten haben, wenn das Ergebnis halt nicht so dolle ausfällt. Ihre Halter lieben sie dennoch – oder gerade deswegen (und das spüren ihre Hunde auch dank der Stimmungsübertragung!). Offenbar machen sie mit nach dem olympischen Motto: „Dabei sein ist alles.“ Sie sehen es wohl einfach als lustigen Spaß und als gemeinsames Erlebnis mit ihrem Hund.

Anmk.: Dieser Artikel erschien zuerst in meiner Kolumne in WUFF - Das Hundemagazin 02/2018; parallel dazu erschien auch unser Blogbeitrag Freundschaft bemisst sich nicht nach Punkten!

--------------------------------------------

Im GASSIREPORT findet ihr immer Hunde-Geschichten in Text, Bild und Video - mal amüsant, informativ, kritisch, kontrovers oder satirisch, aber immer authentisch! Daneben gibt es auch andere Projekte, wie z.B. die GASSIREPORT-Treffen u.Ä. Das alles kostet Herzblut, Zeit und Arbeit. Für euren Support erhaltet ihr tolle Prämien. Und so unterstützt ihr Leser den GASSIREPORT: 

► Paypal: https://www.paypal.me/gassireport

► Patreon: http://www.patreon.com/gassireport

► Mit jedem Einkauf über unsere Amazon-Links*: https://amzn.to/2SaJ9ON

*Affiliate-Links: Ich werde beim Kauf eines Produktes oder dem Abschluss eines für 30 Tage kostenfreiem Probeabos am Umsatz beteiligt oder bekomme eine Prämie. Für Dich entstehen KEINE Mehrkosten.



Samstag, 30. Januar 2021

Einfache Kommunikationsmodelle taugen nichts …

Viele Hundehalter und Hundetrainer haben bei der Kommunikation mit ihrem Hund noch ein einfaches Sender-Empfänger-Modell im Kopf. Doch das ist veraltet und verdeutlicht viele Reaktionen der Hunde nicht. So erklärt sich auch so manches Kommunikationsproblem mit dem Hund. Da unsere Vierbeiner soziale Wesen sind, sollten wir daher komplexere Kommunikationsmodelle verwenden …

Ich wundere mich immer wieder bei unseren Gassi-Begegnungen und ­Recherchen, wie viele Halter, aber – und das ist noch seltsamer – auch Hundetrainer mit dem veralteten Sender-Empfänger-Modell der Kommunikation hantieren. Dieses von den beiden Mathematikern Claude E. Shannon und Warren Weaver (daher auch Shannon-Weaver-Modell genannt) Ende der 40er Jahre des 20. Jahrhunderts entwickelte Modell war in der Kommunikationswissenschaft bereits Mitte der 50er nicht mehr en vogue. Stellt es doch den Sender zu sehr in den Vordergrund und berücksichtigt weder die Botschaft, noch was der Empfänger damit anstellt. Dabei muss man gar nicht erst Kommunikationswissenschaftler sein; ein Blick in Wikipedia unter Kommunikationsmodelle genügt schon: „Das ­Shannon-Weaver-Modell orientiert sich an technischen Aspekten der Signalübertragung. […] Deshalb ist dieses Modell zur Beschreibung sozialer Kommunika­tionsprozesse nicht geeignet.“

Kommunikation zwischen Hund und Halter
Kommunikation zwischen Hund und Halter
Foto: Lutz Borger

Angesichts der sozialen Natur unserer Hunde ist es daher für mich nicht nachvollziehbar, warum so mancher damit noch arbeitet. Es degradiert diese wunderbar komplexen, sozialen Wesen quasi zu Radioempfängern. Und welcher Halter kennt das nicht: Trotz gleichem Befehl reagieren Hunde auch mal anders – sie sind also alles andere als bloße Signalempfänger. Die intendierte Wirkung ist eben nicht gleich der tatsächlichen. So müsste es aber nach dem Sender-Empfänger-Modell jedoch sein.

Klar, das Sender-Empfänger-Modell besticht durch seine Einfachheit. Wohl daher benutzen es auch heutzutage immer noch viele. Aber so bequem das auch sein mag, so fatal kann es beim Verständnis der Kommunikation mit unseren Hunden sein. Interaktionistische Kommunikationsmodelle sind da zur Analyse und Erklärung wesentlich geeigneter. Nehmen wir mal beispielsweise den Transaktionalen Ansatz nach Werner Früh und Klaus Schönbach (meiner persönlichen Meinung nach eignet er sich am besten für die Kommunikation zwischen Hund und Mensch und ist nicht ganz so kompliziert wie andere Modelle): Er integriert Wirkungs- (Stimulus-Response, S-O-R) und Nutzen­ansatz (Uses and Gratification), indem sowohl der Kommunikator als auch der Rezipient als aktive und als passive Kommunikationsteilnehmer verstanden werden.


Es ergänzt die Kommunikation zwischen zwei Wesen, auch Inter-­Kommunikation genannt, noch um die Ebene der ­Intra- Kommunikation – also des eigenen internen Kommunikationsprozesses, der Verarbeitung der eingehenden Signale anhand der Situation, des Erlernten, des Erfahrenen, aber auch der Emotionen und Mentalitäten.

Schließlich wissen wir ja schon lange, dass unsere Hunde nicht so dumm sind und Situationen durchaus unterscheiden können. Nicht selten klappt so manche Übung auf dem Trainingsplatz, doch in freier Wildbahn eben nicht. Oder denken wir nur daran, dass unsere Hunde manchmal einen Hund anbellen und manchmal nicht. Zum einen kommt es natürlich auch auf die Signale an, die der andere Hund sendet; aber vielfach kommt auch die so genannte Reiz­akkumulation zum Tragen. Auch hier finden interaktionistische Kommunikationsmodelle – im Gegensatz zum Sender-Empfänger-Modell – einen Grund: Denn auch wenn die Inter-Kommunika­tion zwischen Halter und Hund die gleiche sein mag, so ist die Intra-­Kommunikation des Hundes nun in dem Augenblick eine andere.

Denn die Realität ist ja bekanntlich ein Konstrukt. Nicht zuletzt basiert sie auf der Wahrnehmung. Und diese ist aufgrund der anderen Sinnesprioritäten beim Hund (anders als bei uns Menschen orientieren sich Hunde ja stärker an Gerüchen) dann eine ganz andere. Ihre Realitätskonstruktion ist folglich eine ganz andere.

Neben Inter- und Intra-­Kommunikation berücksichtigen interaktionistische Ansätze auch eine Feedback-Schleife. Auf die Kommunikation zwischen Hund und Halter wäre hier (unter anderem) das weite und wichtige Feld der Stimmungsübertragung zu verorten – oder wie es das Döggelchen Rico in unserem Blog gerne flappsig-metaphorisch nennt: semi-telepathische Verbindung. 😉

Kommunizier mit mir - aber richtig!

Sicher, diese Kommunikationsmodelle wurden ursprünglich für die menschliche Kommunikation entwickelt. Aber meiner Ansicht nach eignen sie sich ganz allgemein bei der Kommunikation zwischen sozialen Wesen – nur die Signale, also quasi die „Sprache“ ändert sich. Wir sollten endlich anfangen, unsere Hunde als individuelle und soziale Wesen wahrzunehmen. Als wesentlichem Bestandteil kommt der Kommunikation da eine maßgebliche Rolle zu. Und als soziale Wesen sollten wir sie auch dabei ernst nehmen und nicht nur als reine Empfänger unserer zuweilen doch recht widersprüchlichen Signale. Es ist für mich daher immer ein kleines Wunder, wenn Hunde uns „felllose Primaten“ dennoch verstehen. Eine Eigenschaft, die wir oft nicht mal innerhalb der eigenen Art schaffen.



Anmk.: Dieser Artikel erschien zuerst in meiner Kolumne in WUFF - Das Hundemagazin 01/2018; parallel dazu erschien auch unser Blogbeitrag Nehmt uns Hunde als Kommunikationspartner ernst!


--------------------------------------------

Im GASSIREPORT findet ihr immer Hunde-Geschichten in Text, Bild und Video - mal amüsant, informativ, kritisch, kontrovers oder satirisch, aber immer authentisch! Daneben gibt es auch andere Projekte, wie z.B. die GASSIREPORT-Treffen u.Ä. Das alles kostet Herzblut, Zeit und Arbeit. Für euren Support erhaltet ihr tolle Prämien. Und so unterstützt ihr Leser den GASSIREPORT: 

► Paypal: https://www.paypal.me/gassireport

► Patreon: http://www.patreon.com/gassireport

► Mit jedem Einkauf über unsere Amazon-Links*: https://amzn.to/2SaJ9ON

*Affiliate-Links: Ich werde beim Kauf eines Produktes oder dem Abschluss eines für 30 Tage kostenfreiem Probeabos am Umsatz beteiligt oder bekomme eine Prämie. Für Dich entstehen KEINE Mehrkosten.




Mittwoch, 23. Dezember 2020

Ein Blick in den Mikro-­Kosmos der Geruchspartikel

Die Geruchswelt der Hunde bleibt uns Menschen ein Geheimnis. Dabei ist sie der Schlüssel zu ihrer Wahrnehmung. Es lohnt also mal , sich hineinzuversetzen und den Blick auf Geruchsquellen zu richten.
 
Alles verschwimmt vor meinen Augen. Nur unscharf erkenne ich Konturen. Voll konzentriert, schiebt sich vor mein geistiges Auge eine Schablone, ähnlich einer Sonnenbrille – oder in diesem Fall besser – eine geistige „Geruchsbrille“.
 
Nase an Nase - es gibt immer was Spannendes zu erschnüffeln!
 
Kennen Sie schon „Odorisation“? Nein!? Nun, das ist keine Schande, denn so nenne ich ein neues Spiel (aus Odor = lat. für Geruch und Imagination = psychische Fähigkeit, Bilder im Geiste zu entwickeln und diese mit dem inneren geistigen Auge anschaulich wahrzunehmen). Ich ersann es nach meinem Besuch beim SHZ Suchhundezentrum in der Schweiz, wo ich vor allem sehr viel über die Verteilung von Geruchspartikeln gelernt habe: Ich verstelle meinen Augenfokus, schon um von den visuellen Reizen nicht ganz abgelenkt zu sein; außerdem hat durch die Unschärfe ja alles eine gewisse Aura, die in diesem Fall quasi die intensive Geruchsaura darstellt. Bevor einer meckert: ja, der Vergleich hinkt, aber ich kann nichts dafür, dass unsere Menschensinne nicht identisch mit dem unserer Hunde sind – daher verwende ich auch mal „hinkende“ Hilfsmittel, um mich in sie hineinzuversetzen (wie sehr mich die Geruchswelt der Hunde fasziniert, hatte ich ja bereits in unserer Kolumne in WUFF 01/2017 erzählt).
 
Mit diesem verschwommenen (und auch leicht glasigen) Blick laufe ich nun Gassi, das Döggelchen Rico schlendert entspannt neben mir – die Nase am Boden. Seine Körperachse verrät mir schon, in welche Richtung die Spur geht. Ich konzentriere mich auf die bereits erwähnte gedankliche „Schablone“, nutze die Technik der Imagination und versuche alle möglichen Gerüche schon im Vorfeld mir zu visualisieren (ich muss den Umweg über die Augen machen, mein Riechzentrum ist ja ausgebreitet nur so groß wie eine Briefmarke, seines hingegen wie ein DIN A 4 Blatt). Da ist ein Mülleimer, voller verlockender Gerüche, teils schon verdorbene Speisen (für Hunde ja oft eine Leckerei), kleinste Restpartikel vom Inhalt haften auch noch an Verpackungen … Will er dahin? Da erblicken meine auf Odorisation gestellte Augen (verschwommen) den Baum, am unteren Ende ein dunkler Fleck; hier hat wohl jemand markiert. Der Wind kommt leicht von der Seite … DAS ist sicher sein Ziel, denke ich. Zur Überprüfung blicke ich auf Rico: In der Tat ist seine Körperachse direkt auf den Baum gerichtet, nur minimal, denn der Mülleimer steht keine zwei Meter neben dem Baum.
 
Um zu VERSTEHEN, muss man sich in den anderen HINEINVERETZEN!

Für uns zwar unsichtbar, aber die Welt ist voller Partikel, genauer gesagt Geruchspartikel. Unsere Sprache hat nicht einmal genug Begriffe, um alle Geruchsvarianten differenziert zu benennen. Wir Menschen nehmen nur einen Bruchteil davon wahr: So hat geruchstechnisch der Wahrnehmungsraum eines Hundes in etwa die Größe einer Lagerhalle, wir felllosen Primaten kommen da gerade auf die Größe eines Schuhkartons. Und dieser Mikrokosmos funktioniert nach seinen eigenen Regeln, weiß Kerstin Hennings, Leiterin des SHZ Suchhundezentrums: „Lebewesen hinterlassen klebende und schwebende Spuren, bestehend eben aus schweren und leichteren Partikeln. Man muss sich diese wie Cornflakes vorstellen. Sie werden beeinflusst von Temperaturschwankungen, Wind, Regen und Sonne, sowie so genanntem Mikro-Klima, wie es durch die Umgebung entsteht – z.B. kleine Luftverwirbelungen in zugigen Ecken oder Ähnliches.“
 
Sicher, mein Odorisations-Blick kann es nicht wirklich mit einer Hundenase aufnehmen. Seine Differenziertheit kann er gar nicht erreichen. Und schon bei Gerüchen, die nicht auf sichtbaren Dingen haften, findet er seine ­Grenzen, so beispielsweise im Sand. Oder auch, wenn zu viele sichtbare Sachen vorhanden sind, wie dichtes Gebüsch und Blätterwerk im Wald. Oder aber gerade jetzt zur Weihnachtszeit, mit all ihren typischen Düften, von Bratwürsten, Glühwein, gebrannten Mandeln und Gebäck. Umso mehr sollten wir Menschen Respekt haben, dass unsere Hunde selbst in so einer Duft-Disco eine aufgenommene Spur verfolgen können – trotz Geruchs-Cocktails, Aroma-Stroboskopen, Stinke-Spots und verlockender Odor-Orgel.
 
Gemeinsam mit unterschiedlichen Sinnen die Welt erkunden...
 
Dennoch finde ich, kann der Odorisations-Blick es fast mit dem Röntgen­blick aufnehmen. Vor allem im Zusammenspiel mit dem Lesen der ­Körpersprache. Nicht selten erkenne ich an den Körper­signalen von Rico, dass uns um die Ecke ein anderer Hund entgegen kommt. Auf jeden Fall hilft er mir vorausschauend schon das ein oder andere Interessante für meinen Hund zu erkennen. Aber auf jeden Fall hilft es mir auch, mich mehr in ihn hinein zu versetzen und ihn zu verstehen. Dafür nehme ich dann auch in Kauf, dass ich über die ein oder andere Wurzel ­stolpere, weil mein Odorisations-Blick wieder in weite Ferne schweift und ich nicht erkenne, was vor meinen Füßen liegt.
 
PS: Falls Sie es selber ausprobieren wollen, wundern Sie sich nicht über die Passanten, die Sie dann anstarren – es liegt an Ihrem glasigen Blick …
 
 
Anmk.: Dieser Artikel erschien zuerst in meiner Kolumne in WUFF - Das Hundemagazin 12/2017; parallel dazu erschien auch unser Blogbeitrag Im Riechen sind Hunde den Menschen mehr als eine Nasenlänge voraus


--------------------------------------------
Im GASSIREPORT findet ihr immer Hunde-Geschichten in Text, Bild und Video - mal amüsant, informativ, kritisch, kontrovers oder satirisch, aber immer authentisch! Daneben gibt es auch andere Projekte, wie z.B. die GASSIREPORT-Treffen u.Ä. Das alles kostet Herzblut, Zeit und Arbeit. Für euren Support erhaltet ihr tolle Prämien. Und so unterstützt ihr Leser den GASSIREPORT: 

► Paypal: https://www.paypal.me/gassireport

► Patreon: http://www.patreon.com/gassireport

► Mit jedem Einkauf über unsere Amazon-Links*: https://amzn.to/2SaJ9ON

*Affiliate-Links: Ich werde beim Kauf eines Produktes oder dem Abschluss eines für 30 Tage kostenfreiem Probeabos am Umsatz beteiligt oder bekomme eine Prämie. Für Dich entstehen KEINE Mehrkosten.