Dienstag, 30. November 2021

Auch Hunde brauchen Vertrauen!

Gehorsam, Bindung, Sozialisation mit dem Menschen, der Umwelt, anderen Artgenossen – all das und noch viel mehr ist immer wieder Inhalt von Kursen im Hundetraining und Diskussionsthema in den Sozialen Medien. Doch – für mich erstaunlich – kommt ein Wort dabei selten vor: Vertrauen. Dabei ist es doch eine der Grundlagen einer jeden guten Beziehung.

Vertrauen ist die Basis einer jeden guten Beziehung!
Foto: Lutz Borger

Von Weitem beobachte ich die Szenerie: Auf der ausgewiesenen Freilauffläche läuft eine Dame mit ihrem Hund, offensichtlich ein Labrador. Der Hund nimmt Anlauf, wahrscheinlich will er über den Baum springen, doch Frauchen ruft ihn zurück. Dann möchte er ins Wasser, was ja gerade bei Labradoren nicht wirklich verwundert, aber Frauchen ruft ihn zurück. Er schnappt sich ein Stöckchen, doch Frauchen ruft ihn auch hier zurück.

Nun, die Liste ließe sich noch um drei bis vier Beispiele verlängern. Aber viel interessanter war ihre Reaktion, als sie uns erblickte. Mittlerweile hatte ich mit ihrer ersten Reaktion schon gerechnet: Sie rief ihren Hund, der schon auf uns zulief, wieder zurück. Auch dass sie ihn an die Leine nahm, wunderte mich nach den Beobachtungen nicht. Eventuell war der Hund ja krank oder hatte eine Vorgeschichte, weswegen sie den Kontakt auf der Freilauffläche meiden wollte. Aber dass sie ihn dann auch noch ganz kurz nahm, wo doch genügend Platz war, um uns im weiten Bogen auszuweichen, DAS machte mich dann doch etwas stutzig. Daher fragte ich nach: „Verzeihen Sie meine Neugierde, aber warum nehmen Sie ihren Hund so an die kurze Leine? Immerhin ist doch genügend Platz auf dieser großen Freilauffläche, wo wir uns beide im großen Bogen aus dem Weg gehen könnten.“

Ihre Antwort ließ mich noch lange Zeit darüber grübeln: „Ich vertraue nicht darauf, dass die Situation so entspannt bleibt, wie es jetzt wirkt.“ Okay, das hat man zu akzeptieren, und schließlich gab es ja noch genug andere frei laufende Hunde, mit denen mein Döggelchen ausgelastet spielen konnte. Dennoch ging mir ihr Satz nicht mehr aus dem Kopf. Hatte sie kein Vertrauen zu ihrem Hund? Alle Indizien sprachen dafür. Aber wenn sie ihrem Hund nicht vertraut, wie stand es dann um das Vertrauen ihres Hundes in sie?

Ich erinnerte mich an eine lustige Begebenheit, in der ich das Wort Vertrauen zu meinem Döggelchen sagte, ohne dass es mir so bewusst war, wie in der jetzigen Situation: Es ging um ein Kindergitter, welches nur angelehnt war. Doch mein Doggen-Wookie traute sich nicht, es von sich aus zu öffnen. Hilfe suchend schaute er mich an, mit einer kleinen Spur der Verzweiflung, da er ja zu mir wollte. Doch das nur angelehnte Gitter trennte uns. Also sprach ich Rico an: „Na los, mein Kleiner, das schaffst du schon. Ich hab‘ da vollstes Vertrauen zu dir!“ Erst jetzt wurde mir die Bedeutungstragweite meiner Worte voll bewusst.

Im Wort Vertrauen schwingt ja auch die Bedeutung Zutrauen mit. Ganz besonders bemerke ich es bei unserem Mantrail-Training. Denn dabei muss ich die Führung abgeben an mein Döggelchen Rico. Ich vertraue ihm da (was ja eigentlich auch logisch ist, angesichts meiner Riecher-Inkompetenz im Vergleich zum Nasentalent unserer Hunde). Er läuft vorne weg, erkennt die Spur und weiß so den Weg – weit besser als ich es jemals könnte. Und auch wenn er in dem Augenblick die Führung hat, so hat er bisher nie Anstalten gemacht, die Weltherrschaft anzustreben.

Ähnlich sagte mir auch die Mantrail-Ausbilderin Kerstin Hennings vom SHZ Suchhundezentrum, die Rettungsstaffeln aus- und weiterbildet: „Wenn Hund und Halter eine gute Verbindung haben, sich beide sehr gut kennen, dann kann man sich aufeinander einlassen. Nur so kann auch gegenseitiges Vertrauen entstehen.“

Beim Mantrailing braucht es gegenseitiges Vertrauen...

Sicher sollte man immer auf seinen Hund achten. Wir werden ja auch nicht müde, das immer wieder in unseren Artikeln oder in unserem Blog zu erwähnen. Aber damit man sich keinen unsicheren Hund heranzieht, er auch hündisches Selbstvertrauen entwickelt, muss man ihm Vertrauen als Halter schenken.
Aber wie bekommt man Vertrauen?
Wie entsteht es? Werden jetzt sicher ­einige fragen. Nun, das kann man nicht „trainieren“ – wahrscheinlich ist das einer der Hauptgründe, warum es in zahlreichen Hundeschulen auch kein Thema ist: es lässt sich damit kaum Geld verdienen. Denn Vertrauen muss man sich verdienen – und das ist oft schwieriger als eben Geld zu verdienen. Am ehesten klappt das mit vielen ­gemeinsamen Erlebnissen. Dabei lernen beide – Hund und Halter – sich gegenseitig besser kennen und sich so auch einzuschätzen. Das gemeinsame ­Meistern der unterschiedlichsten Situationen lässt dann auch das Vertrauen wachsen. Denn Hund merkt dabei schnell: Egal was passiert, wenn ­Frauchen oder Herrchen dabei sind, dann kann mir nichts passieren – denn er passt auf mich auf.

Und so betrachte ich mein Döggelchen, zugegeben mit einer gewissen stolzen Zufriedenheit, wie er sich mittlerweile im Freilauf um mehr als 30 Meter von mir entfernt (anfangs traute er sich nicht mal mehr als fünf Meter zu), völlig selbstsicher auch das Unterholz im Wald durchschnüffelt, völlig gechillt auch die Straßenbahn besteigt und durchs Kaufhaus dackelt (die Gerüche dort interessieren ihn eh meist mehr als die vielen Menschen). Das lasse ich zu, weil das „Zusammenspiel“ klappt, die Regeln und Grenzen bekannt sind, ich ihn kenne und er mich, wir uns eben vertrauen.

Mein kleiner Doggen-Wookiee Rico machte ja die vielen Erfahrungen ­gemeinsam mit mir und vertraut mir daher. Denn zu jeder guten Beziehung gehört auch Vertrauen – und zwar ­gegenseitiges!

Anmk.: Dieser Artikel erschien zuerst in meiner Kolumne in WUFF - Das Hundemagazin 11/2018; parallel dazu erschien auch unser Blogbeitrag Vertrauen ist die Basis einer jeden guten Beziehung!


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Donnerstag, 21. Oktober 2021

Gegen Wissensdiskriminierung in der Hundeszene

Über die Jahre erlebte ich immer häufiger, wie Wissen und Informationen in der Hundeszene verstärkt diskriminiert wurden. Dadurch besteht nicht nur die Gefahr, dass Uninformiertheit immer mehr um sich greift und dies das Geschäft der Scharlatane erleichtert. Nein, es beeinflusst auch unsere Persönlichkeit und hat somit unmittelbare Auswirkungen auf unsere Hunde. Dabei können wir von ihnen auch in solchen Situationen wieder mal so viel lernen.

Da draußen gibt es so viel zu entdecken...

„Ach, das ist doch nur Theorie!“, sagt der Hundetrainer in einem Tonfall, der ganz offensichtlich seine ganze Verachtung zum Ausdruck bringen sollte. Schon alleine der Ausspruch verwunderte mich – vom Tonfall ganz zu schweigen. Glaubte er denn ernstlich, dass Theorie und Praxis unabhängig voneinander existieren könnten? Oder dass Eines der Beiden – in seinem Fall klar die Theorie – verzichtbar wäre? Schon seltsam, nach meinem Verständnis sind es zwei Seiten einer Medaille, die sich gegenseitig bedingen und befruchten. Aber okay, offensichtlich haben da einige Menschen ein einfacher strukturiertes Weltbild – so dachte ich anfangs. Aber über die Jahre bemerkte ich, dass diese Diskriminierung von Wissen in der Hundeszene immer mehr zunimmt.

So wollte uns doch eine Hundetrainerin, mit der wir intensiv über den § 11 des Tierschutzgesetzes und der Erlaubnispflicht zum Betreiben von Hundeschulen sprachen, tatsächlich weismachen, dass Hundetrainer ja „viel besser Bescheid wüssten über Hunde, ihre Körpersprache und ihr Verhalten“ als Tierärzte. Ihr Argument dabei: „Die machen zum Hundeverhalten ja nur einen Kurs und das war‘s.“ Ganz davon abgesehen, dass so ein Pauschalurteil, das sowohl ALLE Hundetrainer als auch ALLE Tierärzte betrifft, mit Vorsicht zu genießen ist, aber vielleicht meinte sie es ja als „Mehrheitsaussage“, die auch auf Erfahrung und Wissen basiert. Also fühlte ich ihr auf den Zahn und fragte nach…

Ich will es nicht zu spannend machen und mit Details nerven, daher: Recht schnell war klar, dass sie über den Studieninhalt von Tiermedizinern keine Ahnung hatte (z.B. hatte sie noch nie in ein Studienverzeichnis geschaut, von der Studienordnung für Veterinärmedizin ganz zu schweigen); unnötig zu sagen, dass sie den Inhalt des Kurses auch nicht kannte. Dieses Unwissen schien sie aber nicht zu stören bei ihrer Meinungsbildung darüber: „Das ist doch eh alles nur Theorie!“ Da war er wieder, der Satz mit so viel Abfälligkeit in der Stimme, dass man sie hätte in Scheiben schneiden können. Auf zwei Fragen von mir wusste sie aber keine Antwort: 1) Woher kommt denn dein heutiges Praxiswissen, wenn nicht von einer vorausgegangenen Theorie? 2) Wenn das alles so ist, wie du sagst, warum sind die Notaufnahmen der Krankenhäuser in den verschiedensten Städten nicht voll von Tierärzten, die wegen ihres fehlenden Wissens ständig ja von Hunden gebissen werden müssten? Schließlich tun sie ihnen ja auch mal unangenehme Sachen an, wie Spritzen etc. Ihr darauf folgendes Schweigen war für mich schon fast ein Turbinen-lautes Eingeständnis ihrer Unlogik.

So viel Wissen auf der Welt, was erschnüffelt werden will...

Versteht mich nicht falsch, Tierärzte haben die Hunde-Weisheit auch nicht mit Löffeln gegessen, ebenso wenig wie Hundetrainer; und klar, ich kenne keinen Tierarzt, der nicht mal gebissen oder gekratzt wurde, ebenso wenig aber auch Hundetrainer. Das gehört halt zum Berufsrisiko. Aber woher kommt dieses Relativieren oder sogar Diskriminieren von Wissen? Übrigens, nicht nur von Hundetrainern, sondern nach meiner Beobachtung auch immer mehr von Haltern. Psychologisch die einfachste, und daher auch die wahrscheinlichste, Erklärung ist, dass diese Leute, die selber in den meisten Fällen keine höhere Bildung genossen haben, ihre eigenen Unterlegenheitsgefühle damit kompensieren wollen, indem sie Wissen bzw. Bildung schlecht machen. Selbstsicherheit sieht irgendwie anders aus…

Und dabei ist ein selbstsicherer und souveräner Halter extrem wichtig für seinen Hundepartner! (Viel wichtiger im Übrigen als ein gebildeter.) In dem ein oder anderen Fall mag es auch andere Motive dafür geben. In der Konsequenz aber nicht: Denn so ein nicht-offener Blickwinkel ist sehr verengt, er verhindert quasi die Aufnahme von Wissen und blockiert damit eine wichtige Inspirationsquelle. Außerdem: eine offene Persönlichkeit ist sowohl nach Erfahrung, als auch nach Studien besonders förderlich für eine gesunde Hund-Mensch-Beziehung.

Ein Vorbild ist da für mich – mal wieder – mein Hund Rico und mittlerweile auch die beiden Damen des Rudels, Djury und Smilla. Sie nehmen ja auch Informationen erst mal ganz unvoreingenommen auf (also die für Hunde relevanten, wie z.B. Gerüche etc.) und urteilen erst danach.

Ihr 2-Beiner sucht euch die Infos viel zu oft nach eurem Gefühl aus, anstatt euren Verstand zu nutzen...

Besonders ausgeprägt ist diese Diskriminierung von Wissen in den sozialen Netzwerken – wobei manchmal asozial besser passen würde. Schnell eskaliert das in Facebook & Co. zu unfruchtbaren – und in den meisten Fällen auch unnötigen – virtuellen Verbalprügeleien. Statt sich auf der Sachebene damit auseinander zu setzen, wird es schnell auf der zwar emotionalen, aber dafür meist auch unsachlichen Beziehungsebene ausgefochten. Statt sich gegenseitig mit Argumenten zu bereichern und zu inspirieren, wird lieber sozial geächtet und sogar ausgegrenzt. Ja manchmal werden ganze Armeen von Freunden und auch Fake-­Profilen zum Shitstorm aktiviert. Wir haben das nicht nur beobachtet, sondern sowas auch mit unserem Blog (GASSIREPORT http://gassireport.blogspot.com) am eigenen virtuellen Leib miterlebt …

Wobei Shitstorms noch eine vergleichsweise relativ harmlose Art ist, jemanden mundtot zu kriegen. Schließlich gehen die, wie jeder Sturm, auch mal vorbei – selbst die im (virtuellen) Wasserglas. Doch nicht selten artet es aus in Stalking, Diskreditierung und Verleumdungen etc. Jedes Mittel scheint diesen Leuten recht und billig zu sein, um jemand anderen, wenn nicht zum Schweigen so doch zumindest in Misskredit zu bringen. Nicht immer aus einem Unterlegenheitsgefühl heraus, manchmal auch einfach aus Geltungs- und Machtgelüsten. Oder einfach um einen unliebsamen Konkurrenten oder Kritiker nieder zu machen.

Wie würde wohl mein Döggelchen Rico mit solchen Charakteren verfahren? Ich kann es nur vermuten, aber so wie ich ihn kenne (er hat bisher ein sehr gutes Näschen für Scharlatane und Blender bewiesen), würde er sie ziemlich schnell schon auf die Entfernung verbellen, damit er möglichst rasch seine Ruhe hat um sich auf Wesentlicheres zu konzentrieren. Sind schon tolle Lehrmeister ­unsere Hunde, denn so ähnlich handhabe ich das auch.

Also mal einfach ein Buch nehmen oder eine Zeitschrift lesen und das Web durchsuchen, sich eben aus möglichst vielen unterschiedlichen Quellen informieren (wobei Facebook jetzt keine wirklich verlässliche Quelle darstellt). Ihr werdet sehen, so Wissen anzusammeln kann sehr befriedigend sein und Freude machen, wenn es um so ein Herzensthema wie Hunde geht und ihr eure Fellfreunde dann besser versteht (ist also nicht so schlimm wie das „Lernen“ in der Schule damals). Zumal Unwissenheit es jedem Scharlatan und Blender einfach macht. Denn wie heißt es so schön: Bildung hat noch niemandem geschadet. Der Mangel daran hat aber schon so manchen Schaden angerichtet …


Anmk.: Dieser Artikel erschien zuerst in meiner Kolumne in WUFF - Das Hundemagazin 10/2018; parallel dazu erschien auch unser Blogbeitrag Mit Hunden hört das Lernen nie auf


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Sonntag, 12. September 2021

„Helikopter-Halter“ … verhindern eine gesunde und soziale Entwicklung ihrer Hunde

Ähnlich wie die schon länger bekannten Helikopter-Mütter, so verwehren die Heli-Halter ihren Hunden, eigene Erfahrungen zu machen. Auch wenn es gut gemeint ist, die logische Konsequenz dieser geistigen Kasteiung: Unerfahrene und daher auch unsichere Hunde, für die jede Hundebegegnung zum Stressfall wird und das Gassigehen schon Angst einflößt.

Entspannt laufen wir auf den Düsseldorfer Rheinwiesen. Da kommt uns eine Dame mit Hund entgegen. Nichts Ungewöhnliches hier, denn es herrscht unterhalb des Deiches kein Leinenzwang, daher ist es auch weit über die Grenzen der Stadt als Gassigebiet beliebt. Daher wunderte ich mich auch nicht, dass ihr Hund nicht angeleint war. Mein Döggelchen Rico war es ja auch nicht. Doch dann schrie sie plötzlich wild auf. Wegen der Entfernung verstand ich ihr hysterisches Gekreische zunächst nicht. Als ich näher kam, lief Rico bereits auf ihren Hund zu, der sich sichtlich freute, einen Spielgefährten zu treffen. Jetzt verstand ich auch endlich ihre Worte, die sie in einer Tonlage schrie, die in etwa so angenehm war wie das Kratzen einer Gabel auf dem Teller: „Rufen Sie gefälligst Ihren Hund zurück!“ Etwas verwundert, befanden wir uns doch in einer ausgewiesenen Freilauffläche, fragte ich nach dem Warum. Ihre Antwort: „Ich möchte nicht, dass mein Hund mit anderen Hunden Kontakt hat. Das ist mir zu gefährlich.“

Hunde wollen und brauchen den Kontakt zu Artgenossen
Foto: Lutz Borger

War das wieder einer dieser „Helikopter-Halter“, die ihrem Hund jeglichen Kontakt mit Artgenossen verwehren und ihm nicht erlauben eigene Erfahrungen zu machen? Aber vielleicht war der Hund ja auch alt oder krank … Daher sagte ich ihr, dass sie sich hier auf einer Freilauffläche befände, es daher nur logisch und somit vorhersehbar wäre, dass sie hier anderen frei laufenden Hunden begegnen würde. Aber Logik schien nicht so ihr Hobby zu sein. „Ja, ich weiß und das nervt mich auch. Also nehmen Sie Ihren Hund gefälligst jetzt an die Leine!“ Der Befehlston weckte jetzt nicht gerade meine „freundlich-kooperative“ Ader, zumal die Dame wohl zu der Sorte ­gehörte, die dachte, dass die Welt sich um sie dreht. Daher antwortete ich: „Gute Frau, auch wenn Logik nicht so Ihr Hobby ist, wenn Sie keine Hundebegegnungen wollen, sollten Sie gefälligst nicht auf eine Freilauffläche kommen und anderen mit Ihrem Ultraschall-Gekreische das Trommelfell perforieren.“

Während die Dame noch um Luft und Worte rang, schlenderten das Döggelchen Rico und ich weiter (den ich nun zu mir gerufen hatte, auch wenn mir der in freudiger Erwartung hüpfende und jaulende Hund der Frau leid tat). Solche und ähnliche Begegnungen häufen sich in letzter Zeit. Offenbar werden es immer mehr dieser Helikopter-Halter. Okay, ihre Motivation ist häufig gut gemeint: Sie wollen möglichen Schaden von ihren Hunden abwenden. Kann ich sogar ­nachvollziehen, schließlich mache ich mir um meinen kleinen Doggen-Wookiee ja auch schon Sorgen, wenn er nur einmal zu viel hustet. Aber nur weil etwas gut gemeint ist, muss es nicht auch gut und richtig sein – das ist zwar eine Binsenweisheit, aber offenbar eine, die viele Hundehalter dieser Sorte nicht kennen. Schließlich nimmt man dem Hund damit die Möglichkeit, eigene Erfahrungen zu sammeln und daran auch zu wachsen. Ja, mehr noch, im Extremfall verhindert es die Sozialisation mit seinen ­Artgenossen.

Spielen mit einem Hundekumpel macht ja so viel Spaß
Foto: Brigitte Klemke


Offenbar haben die nie was von den so genannten Kaspar-Hauser-Versuchen gehört – dabei kann man es einfach in Wikipedia nachlesen. Die gab es nicht nur bei Tieren, sondern auch bei Menschen. Ziel war es, angeborene Verhaltensweisen zu erkennen – also diejenigen, die genetisch verankert waren. Bei Tieren besonders umstritten waren dabei die Versuche an Rhesusäffchen. Die Konsequenzen dieser Deprivation (vom lateinischen deprivare=berauben – auch diesen Begriff kann man in Wikipedia nachlesen) kann man sich lebhaft vorstellen. Bei Menschenkindern führte das – gelinde gesagt – zu Verhaltensauffälligkeiten – oder auf den Punkt gebracht: zu geistigen Störungen.


Bereits im Altertum berichtete Herodot von Experimenten an Kindern. Es war der Pharao Psammettich I., der die Ursprache der Menschen erfahren wollte. Er gab einem Hirten zwei neugeborene Kinder und befahl, diese so aufzuziehen, dass sie niemals ein gesprochenes Wort vernehmen sollten. Er wollte auf diese Weise herausfinden, in welcher Sprache die Kinder zuerst ein Wort sagen würden. Die Geschichtswissenschaft verortet diese Geschichte ins Reich der Mythen, aber sie zeigt auch, dass es solche Experimente gegeben haben muss (wenn auch wahrscheinlich nicht vom besagten Pharao). Im 13. Jahrhundert war es dann Kaiser Friedrich II., der die Ursprache mit ähnlichen Versuchen finden wollte. Deshalb ließ er einige neugeborene Kinder ihren Müttern wegnehmen und an Pflegerinnen und Ammen übergeben. Sie sollten den Kindern Milch geben, dass sie an den Brüsten saugen könnten, sie baden und waschen, aber keinesfalls mit ihnen kosen und zu ihnen sprechen. Das Ergebnis: Die Kinder starben.

So mancher gluckenhafte Helikopter-Halter gehört auf die psychologische Couch... 😉😂


Okay, sicher, jeder Vergleich mit Menschen hinkt natürlich. Aber beide, Mensch und Hund, sind soziale Wesen. Nimmt man ihnen das, so läuft einiges in deren Entwicklung falsch. Nicht zuletzt deswegen waren die Experimente von Harry Harlow an jungen Rhesusaffen stark umstritten. Denn soziale Wesen brauchen sozialen Kontakt und Zuwendung. Ohne das verkümmern sie. Also liebe Heli-Halter, denkt mal darüber nach, bevor ihr euren Hund quasi geistig kastriert. Auf jeden Fall beschneidet ihr seine Lebenstauglichkeit!


Und es heißt ja nicht umsonst, dass Hunde, die viele unterschiedliche Erfahrungen gemacht und viele unterschiedliche Artgenossen kennen gelernt haben, die entspannteren Fellfreunde sind. Ist ja auch irgendwie logisch: Denn je mehr wir erfahren und lernen, umso weniger können neue Situationen Angst machen und umso selbstsicherer reagieren soziale Wesen wie unsere Hunde darauf.


Anmk.: Dieser Artikel erschien zuerst in meiner Kolumne in WUFF - Das Hundemagazin 09/2018; parallel dazu erschien auch unser Blogbeitrag Aus Angst verbieten Helikopter-Halter ihren Hunden den Kontakt zu anderen, doch Angst ist ein schlechter Ratgeber


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Donnerstag, 9. September 2021

Doppeltes Jubiläum: Eine neue Hunde-Phase beginnt

Vor 9 Jahren trafen wir aufeinander - nur 1 Jahr später startete unsere GASSIREPORT (daher auch doppeltes Jubiläum). Vom ersten bewussten Augenblick hat Rico mein Leben verändert. Sogleich weckte er in mir Facetten, die ich nur noch als leise Erinnerung in mir trug. Die Welle an Gefühlen und Erinnerungen war bei unserem ersten Zusammentreffen so groß, so gewaltig, fast wie ein emotionaler Tsunami, dass mir Tränen aus den Augen kullerten (zum Glück trug ich eine Sonnenbrille). Ich wusste, nein spürte es sogar: Du bist was Besonderes!

Viel haben wir zusammen erlebt. Du lerntest die pulsierende Stadt und das platte Land kennen; warst am Meer, im Moor, auf Messen; hast die unterschiedlichsten Hunde beschnüffelt usw. Doch bei allem was ich dir zeigte und dir beibrachte, irgendwie hab ich jedes Mal mehr gelernt als du. So gesehen, bist du sogar mehr mein Lehrer als ich für dich.

Seit nun 9 Jahren ein Team! 🐾🐾👍

Damals gab ich dir ein Versprechen: Ein Leben für ein Leben! Ich zeige dir meine Welt, dafür du mir deine.
Ich opferte mein bis dahin geführtes Leben, damit ich es mit deinem teilen kann. Kündigte sogar meinen Job. Ob ich es bereue? Nein, niemals, auch wenn es manchmal schwierige Zeiten waren, sowohl beruflich, als auch privat - aber was ich durch Rico erlebte und lernte wiegt alles auf.

Der graue Rico

Mittlerweile sind wir so zusammengewachsen, dass jeder den anderen spürt, als wäre er ein Körperteil. Schlafe ich tief und fest, bekomme ich nichts mit, doch er schafft es nur mit einem Blick mich zu wecken. Rico ist sowas wie ein anaimalischer Bruder für mich. Grau ist er geworden, so langsam zeigt sich auch das Alter. Alles geht nun etwas langsamer, lange Tagesmärsche sind nicht mehr so sein Ding - und ein wenig kauzig wird er auch lagsam. Dank Ricos charmanten Art ist diese Kauzigkeit aber noch recht amüsant... Zumal die sich meist eh in deinem Umgang mit Leon zeigt.

Apropos Leon: Er kam zwar nicht im September zu uns, dennoch feiert er mit. Denn so anders er auch ist, dennoch ist er eine große Bereicherung für unser Rudel. Immer wieder schaue ich zu, wie Rico mit ihm umgeht und wie er ihn auch mal zurechtweis - zugegeben: nicht ohne einen gewissen Stolz. Nein, nicht auf mich, sondern auf Rico. Ohne ihn, hätte ich den kleinen Wirbelwind, den Molosser auf Speed und Dreifach-Dickschädel mit Ambitionen zur Abrissbirne nicht so gut hinbekommen (obwohl wir noch zahlreiche Baustellen haben!).

Leon ist längst Teil des Rudels...

Mir ist durchaus klar, dass wir nun weniger gemeinsame Jahre vor uns haben, als wir zurück blicken. Doch daran denke ich noch nicht. Lieber konzentriere ich mich auf dich, genieße jeden Tag mit dir und lerne immernoch Neues. Und so feier ich mit dir unser doppeltes Jubiläum und freue mich auf diese neue Phase mit dir, mein alter Bruder Rico.


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Mittwoch, 25. August 2021

Erkenntnisgewinn durch Perspektivwechsel

Im Gespräch mit dem Filmtier- und Hundetrainer Dirk Lenzen


WUFF Gassireporter Maximilian Pisacane traf sich mit dem Filmtier- und Hundetrainer Dirk Lenzen zum Gespräch. Es geht um ein mehrperspektivisches Hundeerziehungs-Buch, in dem Trainer, Halter aber auch der Hund zu Wort kommen. Hundeerziehung aus Hundesicht? Spannend.

Als uns der Filmtier- und Hundetrainer Dirk Lenzen im vergangenen Jahr von seinem Projekt erzählte, waren wir schon schnüffelgespannt: Ein mehrperspektivisches Hundeerziehungs-Buch, in dem Trainer, Halter aber auch der Hund zu Wort kommen sollen. Klar fand ich das interessant, schreiben wir doch in unserem Blog auch oft aus der Hundeperspektive, um dem Leser so auf humorvolle Weise das Sich-Hineinversetzen näher zu bringen. Als das Buch „Wenn Hunde sprechen könnten und Menschen richtig zuhören“ nun vor Kurzem erschien, trafen wir Dirk auf dem Gelände seiner Hundeschule „animalstar“ zu einem netten Plausch. Ein bekanntes Filmprojekt, bei dem Dirk mitgewirkt hat, war beispielsweise der Hollywood-Streifen „Walküre“ mit Tom Cruise, aber auch im TV arbeitet er mit, wie beispielsweise bei diversen „Tatort“-Serien (Köln, Münster, Dortmund, Frankfurt a.M.) oder bei den Sendungen „Ladykracher“, „Knallerfrauen“, „switch reloaded“ etc. Zu seinen Kunden zählen unter anderem auch Faber-Castell, Henkel, Bosch oder Mercedes.

Sich in den anderen hineinversetzen - DAS ist die hohe Kunst des Verstehens.
Foto: Lutz Borger

Im Gespräch mit Dirk Lenzen


Pisacane: Da ich ja selber in unserem Blog auch mal satirisch aus Hundeperspektive schreibe, interessiert mich brennend: Wie hattest du die Idee zu dem Buch? Vor allem – es aus drei Perspektiven (Hundetrainer, Halter und Hund) zu verfassen?

Lenzen: Mein Co-Autor, ein früherer Kunde, und ich hatten die Idee gemeinsam. Eigentlich haben wir über viele Projekte nachgedacht, aber wir entschieden uns für dieses Buch, da wir fanden, dass es am Verständnis für den Hund mangelt. Und bei meinen Workshops erkläre ich auch immer schon aus der Sicht des Hundes. Da bot sich das geradezu an. Zumal es so ein Buch in der Form noch nicht gab. Zwar gibt es durchaus Bücher, wo Hunde auch zu Wort kommen, aber eben nicht im Bereich Hundeerziehung. Und durch das Buch und die Recherche dazu haben wir noch mehr Material und Ideen gesammelt – mal sehen, was wir daraus als Nächstes entwickeln.

Dirk Lenzen mit Rico

Pisacane:
Hunde sind Makrosmatiker, wir Menschen orientieren uns eher optisch. Inwiefern können wir uns überhaupt bei so einer unterschiedlichen Wahrnehmung der Umwelt in Hunde hineinversetzen? Stoßen wir da nicht auch an physische Grenzen?

Lenzen: Natürlich, ja, es gibt da keine 100 Prozent. Dennoch finde ich, ähnlich wie du es ja auch in deinem Blog öfter schreibst, dass man es dennoch versuchen sollte, sich in den Hund hineinzuversetzen. Es geht eben nicht nur darum, dass der Hund auf einen achtet, sich an seinem Halter orientiert, sondern eben auch, dass wir Menschen mehr auf unsere Hunde achten. Er darf dabei nicht zu kurz kommen!

Pisacane: Durch gegenseitiges Verstehen kommt auch Verständnis. Und für das gegenseitige Verständnis bedarf es aber Wissen, ähnlich wie bei den Vokabeln einer Fremdsprache, als auch Empathie. Ersteres können Hundetrainer und Bücher vermitteln, aber bei Zweiterem können die Meisten nicht weiterhelfen, oder?

Lenzen: Bücher vermitteln die allgemeinen Situationen, aber man muss das bei Hunden natürlich individuell sehen. Denn jeder Hund ist anders. Man sollte Bücher lesen, um sich zu informieren, aber immer auch die eigene individuelle Situation im Auge behalten und das Gelesene transferieren. Hier setzt der Hundetrainer ein.
Dafür habe ich auch die Workshops mit Lesung entwickelt. Einige Kapitel, die sich dafür eignen, werden so auch in der Praxis geübt. Der Halter bekommt durch die Übung nicht nur eine andere Perspektive aufgezeigt, sondern durch das Training und das größere Verständnis für seinen Hund meist auch mehr Selbstsicherheit und Vertrauen in seinen Hund. Ich kann natürlich jemandem auch nicht Empathie vermitteln, wenn er Null davon hat, aber man kann den ein oder anderen anstupsen und auf neue Gedankengänge bringen, die die Empathie dann wecken.



Pisacane: Du beschreibst in deinem Buch fünf Halter-Typen. Müssten vollständigkeitshalber nicht auch ein paar „Hunde-Typen“ aufgelistet werden?

Lenzen: Ja, da hast du Recht. Aber eigentlich habe ich ja indirekt mehrere beschrieben, bei jedem Fall-Beispiel beschreibe ich auch verschiedene Hundetypen, benenne sie nur nicht. Ich wollte so beim Leser den Effekt erreichen, dass der sich denkt: „typisch meiner!“, ohne dem direkt einen Stempel aufzudrücken.

Pisacane: Was sind denn die häufigsten Fehler in der Hundeerziehung?

Lenzen: Ganz einfach: Dinge zu persönlich nehmen, vor allem wenn wir dadurch in peinliche Situationen geraten, ob zu Hause oder auf der Straße oder in Wald und Wiese. Am häufigsten sind Fehlinterpretationen, wie beispielsweise: „Das hat er absichtlich gemacht! Um mich zu ärgern …“ Nicht selten habe ich dabei beobachtet, dass der Hund das ganz und gar nicht macht, um seinen Halter zu ärgern, sondern einfach nur, weil er einen, wenn auch kurzfristigen Vorteil für sich sieht.

Gerade bei Fehlinterpretationen spielen viele Faktoren eine Rolle: Nehmen wir nur mal das rassebedingte Aussehen, beispielsweise eine Dogge und ein Malinois, die nebeneinander sitzen – beide wirken völlig unterschiedlich: Der Malinois eher aufgeweckt, die Dogge eher gemütlich. Aber schaut man sich deren Körpersprache an und lässt sich nicht von deren rassetypischem Aussehen zu Fehlinterpretationen verleiten, dann kann in dem Moment die Dogge sehr aufgeweckt sein und der Malinois eben gerade schlapp oder abgelenkt.

Oder nehmen wir doch nur die ganzen Sympathieträger mit hellem Fall oder dem niedlichen Fleck an einem Auge – die werden viel öfter positiv interpretiert als beispielsweise schwarze oder gestromte Hunde. Wie heißt es doch so schön bei uns Menschen: Kleider machen Leute – und Fell ist eben auch nur eine Form von „Kleid“.

Viele erziehen auch den ganzen Tag an ihrem Hund rum, aber leider bleibt das Grenzen-setzen dabei oft auf der Strecke. Klar kann das auch bei dem ein oder anderen Hund gut gehen, aber das funktioniert meist nur bei sehr unterwürfigen und futterorientierten Hunden.

Pisacane: Ich habe den Eindruck, dass einer der häufigsten Fehler bereits bei der Anschaffung begangen wird: Viel zu selten scheinen sich die Leute zu fragen, ob der Hund zu ihnen passt – beispielsweise was Rasse (oder seine Mischung), Geschlecht, Größe etc. angeht. Wie ist deine Erfahrung dazu? Und wie kann man deiner Meinung nach entgegenwirken?

Lenzen: Ja, stimmt, hast Recht. Es gibt viel zu wenige Menschen, die eine Beratung VORHER buchen, gerade auch Erst-Hundehalter. So fällt das Kind meist schon in den Brunnen, bevor sie sich Hilfe suchen. Wie man dagegenwirken kann? Gute Frage … Wenn ich da was wüsste, würde ich es anbieten. (lacht) So bleibt nur die mühselige Aufklärung, wie ich mit meinem Buch oder durch Magazine wie die WUFF oder Du mit Deinem Blog. Und so die Leute zum kritischen Nachdenken zu animieren.

Pisacane: Du beschreibst auch 20 Alltagssituationen, die wohl jeder Halter mehr oder weniger kennt – ebenfalls aus verschiedenen Perspektiven – und gibst dazu dann Lösungstipps. Nun sind Hunde ja Individuen und nicht dumm; zuweilen finden sie recht originelle „Lösungswege“. Ein Beispiel: Dem kleinen Doggen-Wookiee Rico konnte ich erfolgreich das Kotfressen abgewöhnen – zumindest solange ich aufpasse. Erwische ich ihn doch mal bei der Absicht zuzubeißen, weil er denkt, ich wäre abgelenkt, reagiert er auf das Pfui zunächst, indem er aufschaut und sich dann darin wälzt – selbstverständlich um danach mit einem zufriedenen Blick mir auf der Meta-Ebene mitzuteilen: „Hey Alter, was willste? Hab‘s doch nicht gefressen.“ Die Frage ist daher: Kann man überhaupt Patentlösungen geben, bei so vielen unterschiedlichen Hundecharakteren und dem Erfindungsreichtum unserer Fellfreunde?

Lenzen: (lacht) Ja stimmt. Für individuelle Lösungen mache ich ja die Workshops, da kann ich auch auf die unterschiedlichen Hund-Halter-Konstellationen eingehen. Schließlich kannst du nicht alle über einen Kamm scheren, schon weil die Hunde unterschiedlich reagieren. Es sind Hunde dabei, die muss ich am Ende loben, andere wiederum umlaufen die Wurst, um mir zu zeigen: da liegt was.

Um diesem individuellen Charakter der Hunde Rechnung zu tragen, zeige ich in meinen Workshops verschiedene Trainingsmethoden – denn nicht jede Methode passt zu jedem Hund. Ich unterscheide ja auch zwischen unterwürfigen und eher kernigen Hunden, die müssen auch unterschiedlich trainiert werden.

Was den Erfindungsreichtum angeht, da gebe ich dir Recht. Was das angeht, da werden Hunde auch oft unterschätzt. Daher sage ich immer nach jedem Training, dass sie ihren Hund weiterhin beobachten sollen. Und wenn er dann ein anderes Verhalten zeigt, müssen sie ­darauf reagieren.

Pisacane: Und wie findet man da das richtige Maß?

Dirk Lenzen und Rico

Lenzen:
Das gehört sicher zu den größten Schwierigkeiten. Dass man sich da auch mal vertut, dagegen ist kein Halter, aber auch kein Trainer gefeit. Es gibt Momente, da ist eine Korrektur übertrieben, aber dafür auch mal untertrieben – Gleiches gilt fürs Loben. Es gibt halt keine „Karte“, die Verständigung zwischen Hund und Mensch ist dafür zu grobkörnig. Doch solange man nicht in Extreme verfällt, ist es auch nicht schlimm, wenn wir mal das Maß in die eine oder andere Richtung ein wenig übertreiben – Hunde verzeihen uns da sehr viel.

Pisacane: Danke für das Gespräch.


Anmk.: Dieser Artikel erschien zuerst in meiner Kolumne in WUFF - Das Hundemagazin 08/2018; parallel dazu erschien auch unser Blogbeitrag Interview mit dem Filmtier- und Hundetrainer Dirk Lenzen über sein neues Buch, worin auch Hunde zu Wort kommen


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Mittwoch, 21. Juli 2021

Das schlechte Image von Hundehaltern ist hausgemacht

Bald ist Urlaubszeit und viele nehmen ihre vierbeinigen Familienmitglieder mit. Doch leider benehmen sich einige Halter dermaßen daneben, dass so mancher Anbieter die Lust verliert. Auch wenn es nicht die Mehrheit sein mag, so werfen genau diese Halter ein schlechtes Licht auf alle.

Der „gemeine Hundehalter“ hat ja nicht gerade das beste Image. Vieles davon ist leider hausgemacht. Wenn ich da nur an die vielen Horror-Storys denke, die mir die Betreiber von Hotels und Ferienwohnungen erzählen, wenn wir unterwegs sind, wundert es mich, dass überhaupt noch jemand Hunde und ihre Halter als Gäste aufnimmt.

Wir Hunde können für das schlechte Image nichts, das seid ihr Halter selber schuld...
Foto: Lutz Borger

Da springen die nicht erzogenen Fiffis über Betten und Sofas – die umfallenden Vasen sind da nur der Collateralschaden. Da muss jemand unbedingt seinen Hund duschen, der das ganz offensichtlich nicht mag und offenbar auch nicht kennt – was die vielen Kratzspuren in der Wanne belegen. Oder auch der nach einem Besuch einer Marslandschaft ähnelnde Garten. „Der Garten ist ja auch für die Hundebesucher gedacht, aber nicht um ihn völlig umzupflügen. Mehrere Säcke Erde musste ich kaufen, um die teils einen halben Meter tiefen Löcher wieder zuzuschütten – schon damit sich die folgenden Gäste nicht verletzen“, ­berichtete mir eine Betreiberin einer ­Ferienwohnung.

Was ist nur los mit solchen Hundehaltern? Ist es ein grenzenloses Anspruchsdenken und purer Egoismus? Dann bedienen sie damit genau das negative Image, welches viele von Hundehaltern haben. Sicher, ich weiß auch, dass gerade die Negativ-Beispiele im Gedächtnis haften bleiben. Aber auch wenn es nicht die Mehrheit sein mag, so determinieren diese negativen Erfahrungen auch menschliche Handlungen. Nicht selten entscheiden sich eigentlich hundefreundliche Anbieter von Hotel- und Gästezimmern dann um und verbieten Hunde oder beschränken zumindest deren Anzahl.

Dabei geben sich viele
Hotels so viel Mühe...
Schaut man auf den einschlägigen Webseiten für Urlaub mit Hund nach, bestätigt sich das. Die meisten Anbieter akzeptieren einen oder auch zwei Hunde – doch spätestens mit drei Fellfreunden (noch dazu von den Ausmaßen unserer Rudelmitglieder) wird es schon schwieriger. „Bei mehr Hunden ist die Gefahr einfach zu groß“, verrät mir ein Anbeiter, „wenn das dann einer der Halter ist, die ihren Hund nicht erzogen und sozialisiert haben, dann haben wir als Betreiber und die nachfolgenden Gäste Pech gehabt“.

Dabei wird den Hunden gar kein Vorwurf gemacht: „Die zeigen halt nur die Defizite, die ihnen ihre jeweiligen Halter eingebrockt haben“, erklärt ein Hotelbetreiber. Die Anbieter von Unterkünften mit Hund sind dabei alles andere als realitätsfremd: „Wenn man auch Hunde als Gäste akzeptiert, muss man schon eine höhere Toleranzschwelle haben und ganz klar, da kann auch mal was zu Bruch gehen – das sind halt Unfälle, damit muss man rechnen. Aber wenn der Hund sich ungezogen verhält und dann der ­Halter nicht die geringsten Anstalten macht, das zu unterbinden, das ist schon mehr als unverschämt.“ Wie so oft liegt das Problem mal wieder am anderen Ende der Leine …

Ist es wirklich so schwierig, die banalsten Anstandsregeln zu beachten? Es geht hier nicht um das Einhalten irgendwie gearteter Benimmregeln, die einige mit kindischem Gemüt auch gern ohne Argumentation als „spießig“ deklarieren – wahrscheinlich machen sie das eh nur, um von ihrer mangelnden Erziehung abzulenken. Vielmehr geht es um den Respekt und die Rücksichtnahme, wie sie sich auch im Umgang (auch den Umgangsformen!) miteinander (und mit fremdem Eigentum) widerspiegelt. Denn ohne funktioniert ein Miteinander nicht!

Bei so vielen Anbietern sind Hunde willkommen, denn es sind meist die Halter, die sich nicht benehmen...

Eigentlich ist es ja auch ganz einfach: Man muss sich nur die Frage stellen, was man selber von Gästen nicht möchte, und dann auch selber danach handeln, wenn man Gast ist. Gern würde ich mal solche Leute besuchen, die sich bei anderen daneben benehmen, und denen den Spiegel vorhalten – das wäre sicher ein schelmischer Spaß. Manchmal überlege ich ernsthaft, ob ich dem Döggelchen Rico nicht einen „Ungezogenheits-Modus“ für solche Fälle beibringe. So dass er auf ein Signal hin sich als Hund benimmt wie so mancher Ballermann-Tourist auf Malle (natürlich ohne Sangria-Eimer). Die Vorstellung, wie der kleine Doggen-Wookiee über das volle Buffet springt oder das Dekolletee einer aufgetakelten Proleten-Tussi ausschleckt, treibt mir jedes Mal ein Grinsen ins Gesicht …

Wir haben es daher zur Regel gemacht, wenn wir unterwegs sind und woanders übernachten müssen, immer ein paar Dinge dabei zu haben: Beispielsweise eigene Bettwäsche und Laken oder Decken für Sofas und Bett. Und auch wenn die Reinigung des Zimmers im Preis inbegriffen ist, so fegen wir zumindest mal durch. Auch erkundigen wir uns bei Ankunft, was erlaubt ist und was nicht (nicht selten gibt es so was wie eine „Hunde-Hausordnung“ in den Zimmern bzw. Wohnungen, man muss sie halt nur lesen!).

Mir ist durchaus bewusst, dass es wenig Sinn macht, bei solchen unsozialen Leuten auf Rücksichtnahme und Vernunft zu hoffen. Daher appelliere ich an das, was bei dieser Art Halter am stärksten ausgeprägt ist – ihren Egoismus. Wo wollt ihr denn mit euren Hunden hinfahren, wenn immer weniger Anbieter wegen eures Verhaltens Hunde bei sich aufnehmen? Oder seid ihr bereit, die wegen eures mangelnden Benehmens gestiegenen Preise zu zahlen? Wohl kaum …

Anmk.: Dieser Artikel erschien zuerst in meiner Kolumne in WUFF - Das Hundemagazin 07/2018; parallel dazu erschien auch unser Blogbeitrag An manchen Menschen ist die Evolution und Zivilisation vorbei gegangen


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Mittwoch, 30. Juni 2021

Hunde sind so wunderbar unideologisch

Daran sollten sich viele Menschen ein Beispiel nehmen!


Clash of Ideology – ob auf Hundeplätzen, der Straße oder im Wald – trifft man fanatische Ideologen. Statt den Hund als Lebewesen in den Mittelpunkt zu stellen, ist für sie der (Macht-)Kampf um ihre Ideologie wichtiger. Auf ihrem ideologischen Altar opfern sie – darunter nicht wenige „Hundeprofis“ – dabei das Wohlergehen unserer caniden Freunde. Wie wohltuend unideologisch ist doch da der Umgang von Hunden untereinander.

Egal ob beim Gassi in der Stadt, im Wald oder bei den virtuellen Runden in den Sozialen Medien: Irgend einen Anhänger der verschiedensten (Hunde-)Ideologien trifft man (leider) immer – egal ob es sich um einen Befürworter von Halsbändern oder von Geschirren, von an Bestechung grenzenden Leckerli-Verteilern oder rhythmischen Klickern handelt, ob um Barfer oder Fertigfütterer. Auch allgemeine Kastrations-Befürworter und -Gegner trifft man. Sie alle haben eines gemeinsam: ideologischen Fanatismus. Auf dem Altar ihrer an religiösen Fanatismus grenzenden Ideologie opfern sie Logik und Vernunft, für Sachargumente oder wissenschaftliche Ergebnisse sind sie in etwa so zugänglich wie ein Backstein.

An deren Geltungs- und Machtsucht hätte der Schüler Sigmund Freuds und Begründer der Individualpsychologie Alfred Adler sicher seine helle (wissenschaftliche) Freude. Für mich sind diese Profilneurosen mehr als unverständlich. So lernte ich schon auf dem Gymnasium die so genannte Ideologiekritik, welche während meines Studiums der Geschichte und der Medienwissenschaft noch ihren methodischen Feinschliff bekam. Zugegeben, ich entwickelte in der Zeit sogar eine gewisse Ideologie-­Allergie. Aber es bedarf gar nicht des Besuchs einer Universität, schon die ­Beobachtung unserer Hunde reicht aus, um solche Ideologien kritisch zu sehen. Ein Beispiel: Meinem Döggelchen Rico ist es völlig egal, ob der Hund, der ihm gerade begegnet, ein Geschirr trägt oder ein Halsband, ob er gebarft wird oder nicht. Für Rico stehen ganz andere ­Fragen im Vordergrund: Ist er sozialisiert? Kann ich mit ihm spielen? Selbst bei Kastraten ist er recht tolerant und spielt mit ihnen, und das obwohl dieser Eingriff die Biologie so stark verändert, dass sie „anders“ riechen und daher auch oft von anderen Hunden gemobbt werden – aber diese Reaktion ist dann auch nicht ideologisch, sondern ­biologisch.

Wir sollten viel mehr die "Hunde-Ideologie" lernen, als unsere menschlichen Ideologien auf die Hunde zu übertragen!
Foto: Lutz Borger

Kurz gesagt: Für unsere Fellfreunde zählt der Charakter. Ideologie spielt bei Hundebegegnungen nicht mal eine ­untergeordnete Rolle, sie spielt nämlich gar keine. Auch in dieser Hinsicht ­können sich Halter und Hundetrainer ein Beispiel an unseren ältesten Freunden nehmen! Für unsere caniden Freunde zählt nur, ob es passt oder nicht – ganz frei von menschlicher Ideologie und Geltungsdrang. Während Menschen einen schon abwerten, wenn man nicht die richtige „Mode“ trägt, spielen Hunde mit Halsband ganz selbstverständlich mit denen mit Geschirr, die ­gebarften Hunde mit denen, die Fertigfutter bekommen etc.

Es mag auch daran liegen, dass Hunde keine (menschlichen) Minderwertigkeitskomplexe haben – ganz anders als bei vielen Menschen am anderen Ende der Leine. Sicher, auch unseren Fellfreunden ist „Status“ wichtig, aber in einem ganz anderen Zusammenhang. Einen Therapeuten brauchen sie dafür jedenfalls nicht, anders als bei vielen Menschen mit Geltungssucht. Schade ist dabei nur, dass das Wesentliche, der Hund, dabei auf der Strecke bleibt. Wichtiger als ihr canider Lebenspartner ist vielen Menschen ihre Profilierung.

Hund und Mensch sind ein Team - und keine ideologische Partei!
Foto: Lutz Borger

Keine Ahnung wie es Euch so geht, aber ich freue mich jedes Mal, wenn das Döggelchen einen passenden Spielkameraden gefunden hat. Ich berausche mich geradezu an ihrem Spiel – und dabei ist es mir völlig egal, ob der Hund ein Halsband oder Geschirr trägt oder was er am Vormittag im Napf hatte (das weiß Rico dank seiner Nase eh besser als ich, scheint aber kein wichtiges Auswahlkriterium für eine Freundschaft für ihn zu sein). Doch wenn der Halter mir mit irgendeiner Ideologie kommt, am besten noch fern von Logik und Vernunft, dann entwickle ich eine gewisse Antipathie gegen ihn (nicht gegen den Hund! Der kann ja nichts dafür) – fast wie ein ­psychischer Reflex. Nicht selten habe ich dann auch Mitleid mit dem anderen Hund, muss er doch die Ideologie ­ertragen, anstatt die Vernunft und Liebe zu genießen.


Anmk.: Dieser Artikel erschien zuerst in meiner Kolumne in WUFF - Das Hundemagazin 06/2018; parallel dazu erschien auch unser Blogbeitrag Eure 2-Beiner- Ideologien sind uns Hunden völlig egal - also projiziert sie nicht auf uns!


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Dienstag, 18. Mai 2021

Tiere haben ein Recht auf Hilfe!

Was, wenn man dabei gegen das Gesetz verstößt?

Sie brechen in Wohnungen und Stallungen ein, retten Tiere aus der Not und brechen damit regelmäßig Gesetze: Radikale Tierschützer bewegen sich immer in einer dunkelgrauen Zone – ihnen ist das Wohl des Tieres wichtiger als das Einhalten von Gesetzen. Für manche sind sie ­Verbrecher, für andere wiederum Helden.

Eine Gänsehaut überzog mich, ein Kloß im Hals, der mir die Kehle förmlich zuschnürte, bildete sich und die Wut im Bauch stand kurz vor der Explosion. Im Laderaum des Autos waren diverse Boxen und darin Hunde in einem erbärmlichen Zustand: verwahrlost, verdreckt, verletzt. In einer Box fiepten völlig unterernährte Welpen, in einer anderen wimmerte ein an der Pfote verletzter Hund, dessen Fell am Hals vom Kettentragen schon ausgefallen war. Da war ein alter, blinder, zitternder Hund, ebenso wie eine Hündin mit sehr großen Zitzen – ich vermutete sofort, dass sie schon einige Welpen geworfen hatte. „Ja stimmt, dabei ist sie gerade mal 3 Jahre alt“, sagt Bernd (Name wurde geändert, das war die Bedingung: keine Namen, keine Fotos, selbst das Handy musste ich im Auto lassen) – denn Bernd ist ein „radikaler Tierschützer“, den ich über verschlungene Pfade aus meiner etwas „wilderen“ Jugend kannte (wir berichteten in unserem Blog GASSIREPORT über dieses Zusammentreffen: „Radikale Tierschützer – Verbrecher oder Helden?“).

Auch Tiere haben ein Recht darauf, dass ihnen geholfen wird!
Foto: Lutz Borger

Das Erste, was an ihm auffällt, sind seine riesigen Pranken. Da stand er vor mir, in etwa mit den Ausmaßen eines großen Kühlschrankes. Einer von diesen amerikanischen Kühlschränken – die Amis neigen ja bekanntlich ein wenig zur Gigantomanie. Er wirkt etwas grobschlächtig. Sein Händedruck ist fest, was viele ja mit Charakter verbinden, andere wiederum darin nur die Angabe mit der Körperkraft sehen. Egal, ich bin aus einem bestimmten Grund hier, und wenn es der Recherche dient und er sich dadurch „sicherer“ fühlt, kann er meinetwegen auch angeben.

Immer wieder bricht Bernd irgendwo ein und „befreit“ misshandelte Tiere – so sieht er es. Doch juristisch gesehen begeht er damit auch eine Straftat. Gleich mehrere Paragrafen des Strafgesetzbuches (StGB) könnten hier greifen, wie beispielsweise § 123, 242, 243,244, 246 oder 303. Denn zunächst ist es ja Einbruch und die Aneignung von fremdem Eigentum, nicht selten mit Sachbeschädigung. Jedoch gelten Tiere – anders wie viele vermuten und es auch immer gerne in den Sozialen Medien gern falsch verbreiten – nicht als Sache. ­Dieser Mythos hält sich auch deswegen hartnäckig, weil häufig Gesetze über „Sachen“ zur Anwendung kommen, was aber nicht bedeutet, dass juristisch gesehen Tiere als Gegenstände zu sehen sind! In § 90a des Bürgerlichen Gesetzbuches (BGB) steht: „Tiere sind keine Sachen. Sie werden durch besondere ­Gesetze geschützt. Auf sie sind die für Sachen geltenden Vorschriften entsprechend anzuwenden, soweit nicht etwas anderes bestimmt ist.“ In Österreich ­findet sich in § 285a ABGB eine gleichlautende Regelung, so die auf Tierrecht spezialisierte Rechtsanwältin Dr. Susanne Chyba.
Chyba weiter: „Seit 2013 ist in Österreich Tierschutz als Staatsziel verfassungsrechtlich verankert. § 2 BVG Nachhaltigkeit lautet: ‚Die Republik Österreich (Bund, Länder und Gemeinden) bekennt sich zum Tierschutz.‘ Erfasst ist aber nur der ‚Individualtierschutz‘, d.h. der Schutz des einzelnen Tiers.“
 

Susan Beaucamp
Foto: Kanzlei
Bereits seit 2002 steht der Tierschutz in Deutschland als Staatsziel sogar im Grundgesetz (siehe GG 20a). „Mit der Aufnahme des Tierschutzes als Staatsziel im GG ist er als hohes Rechtsgut anerkannt“, sagt die auf Tierrecht spezialisierte Anwältin Susan Beaucamp. Wohl auch deswegen entschied das Landgericht Magdeburg am 11. Oktober 2017: „Das Eindringen von Mitgliedern einer Tierschutzorganisation in die Stallungen einer Tierzuchtanlage, um dort Verstöße gegen die Tierschutznutztierverordnung mit Foto- und Filmaufnahmen zu dokumentieren und anschließend die Öffentlichkeit zu informieren und bei der Staatsanwaltschaft anzuzeigen, kann als Nothilfe gemäß § 32 StGB und aufgrund eines Notstandes gemäß § 34 StGB gerechtfertigt sein. Denn Tiere sind als nothilfefähig und der Tierschutz als notstandsfähiges Rechtsgut anzusehen“, berichtet der auf Tierrecht spezialisierte Anwalt Andreas Ackenheil (Autor des Buches „Ihr Recht rund ums Haustier“). Dr. Susanne Chyba zur Situation in Österreich: „Eine vergleichbare Entscheidung ist in Österreich noch nicht bekannt. Einer der berühmtesten Strafprozesse zu diesem Thema ist jedoch der sogenannte „Wiener Neustädter Tierschützerprozess“ vor dem Landesgericht Wiener Neustadt, der 2006 mit dem Ermittlungsverfahren begann und für alle 13 Aktivisten 2011 mit einem Freispruch u.a. vom Vorwurf der Beteiligung an einer kriminellen Organisation endete.“ Das Brechen von anderen Gesetzen kann also im Einzelfall durch Nothilfe gerechtfertigt sein. Außerdem ergänzt Ackenheil: „Daneben wird durch § 1 TierSchG auch das im Mitgefühl für Tiere sich äußernde menschliche Empfinden mitgeschützt und im Ergebnis muss daher gegen Tierquälerei Nothilfe zulässig sein.“
 

Andreas Acknheil
Foto: Kanzlei


Das ist nun aber kein Freifahrtschein für Selbstjustiz: „Wer tierschutzwidrige Haltungszustände feststellt, dem ist grundsätzlich nicht erlaubt, im Wege der Selbsthilfe für Abhilfe zu sorgen. Dies dürfen regelmäßig nur die Ordnungsbehörden (Veterinärämter) oder bei Gefahr in Verzug auch die Polizei“, erklärt Ackenheil.

Dr. Susanne Chyba über einen Fall in Österreich: „Bemerkenswert ist die Entscheidung des LG St. Pölten aus dem Jahr 2004, in dem ein Tierschützer, der 7 Hühner aus einer Legebatterie entführt hatte, im Berufungsverfahren vom Vorwurf der Unterschlagung freigesprochen wurde. Das Berufungsgericht konnte zwar weder einen rechtfertigenden noch einen entschuldigenden Notstand im Sinne des § 10 StGB erkennen, da es den gegenständlichen Eingriff des Mannes nicht als das einzige Mittel zur Abwehr des drohenden Nachteils wertete. Das Gericht führte aber aus, dass im Rahmen der gesetzlichen Änderung des Tierschutzes ein Umdenken aller zu erwarten sei und es könne daher nicht a priori gesagt werden, dass eine Meldung bzw. Anzeige bei den Sicherheitsbehörden erfolglos geblieben und das Eingreifen der Behörde zu spät gekommen wäre. Das Berufungsgericht fand die Tat aber für nicht strafwürdig im Sinne des damals geltenden § 42 StGB, da sowohl die Schuld des Täters als auch die Folgen der Tat gering (der Schaden betrug nur 15 Euro) seien. Überdies erschien dem Berufungsgericht die Strafe nicht geboten, um den Täter oder andere von ähnlichen Delikten abzuhalten. Eine gleiche Entscheidung kann es aber auf Grund der Änderung des StGB nicht mehr geben.“

Aber was muss man als Normalsterblicher beachten, wenn man einem Tier in akuter Not helfen will? „Sofern man einem Hund helfen will, der misshandelt wird oder z.B. im Auto bei Hitze eingeschlossen ist, muss man sich vergewissern, dass es kein anderes Mittel gibt ihm zu helfen als eine Straftat zu begehen. Im Kopf sollte man durchgehen, was es für Möglichkeiten gibt. Den Halter des Wagens ausrufen lassen oder die Polizei verständigen. Erst wenn dafür wirklich keine Zeit mehr bleibt, sollte anderweitig gehandelt werden. Bestenfalls sollte man dokumentieren, wie der Zustand des Tieres ist. Im heutigen Zeitalter der Smartphones, die alle eine Kamera haben, sollte das leicht möglich sein. Ebenso ist es wichtig, vielleicht Zeugen zu finden, die die missliche Lage des Tieres ebenso beobachtet haben und später dies vor der Polizei aussagen. Wird ein Hund in der Nachbarschaft misshandelt, sollte das Veterinäramt eingeschaltet werden. Vorher sollte keine Aktion getätigt werden, den Hund auf eigene Faust zu retten“, sagt Beaucamp.

Das hilft zwar nicht gegen eine Anzeige, aber die Beweise können in einem etwaigen Prozess dann für den Tierretter sprechen, meint Ackenheil: „Gegen eine Anzeige kann man sich zunächst nicht schützen. Diese wird meist vom Hundehalter oder Fahrzeugführer/-halter gestellt. Die Anzeige erfolgt meist wegen Sachbeschädigung am Fahrzeug. Die Kfz-Haftpflichtversicherung greift nicht ein, da der Fahrzeugführer nicht beim Betrieb des Kfz einen Schaden verursacht hat. Die eigene Haftpflichtversicherung des Tierretters greift nicht, da er die Scheibe vorsätzlich eingeschlagen hat und vorsätzliches Verhalten nicht unter den Versicherungsschutz fällt. Dennoch wird ein Strafrichter meist das Verhalten des Tierretters als gerechtfertigt ansehen, so dass eine Bestrafung aus der Anzeige nicht erfolgen sollte. Der Tierhalter bzw. Fahrzeugführer /-halter kann jedoch gegen den Tierretter zivilrechtlich seinen entstandenen Schaden am Fahrzeug sowie gegebenenfalls auch die entstandenen Tierarztkosten der Tierrettung geltend machen. Dies folgt meist über § 823 BGB, bei dem jedoch erneut die Rechtfertigung des Handelns zu berücksichtigen ist. Insoweit sollte daher ein Gericht den Tierretter auch hierbei nicht verurteilen.“

So groß auch das moralische Verständnis sein mag, so sehr sollte man sich aber auch juristisch absichern – denn Selbstjustiz ist sicherlich keine Lösung in einer zivilisierten Gesellschaft. „Ich achte immer darauf, dass möglichst wenig kaputt geht und dokumentiere immer alles mit Videos, Fotos und Datum. Manchmal lasse ich auch Geld da, falls ich mal ein Schloss aufbrechen oder eine Scheibe einschlagen musste – ich will ja niemandem schaden, sondern nur dem Tier helfen“, sagt Bernd.



 

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Freitag, 30. April 2021

Mehr Hunde, mehr Arbeit … aber auch mehr Spaß

Seitdem das Döggelchen und ich in einem Rudel leben, hat sich viel verändert. Eines ist mir jedoch sofort klar geworden: Das wird nicht einfach – aber auch sehr lustig. Denn so ein Rudel ist mehr als nur die Summe seiner Einzelteile, es entwickelt so seine ganz eigenen Dynamiken. Das erfordert eine erhöhte Aufmerksamkeit, mehr Arbeit, weniger Ruhe und Zeit für sich – aber unterm Strich fällt einem das kaum auf, denn die vielen Lacher dabei wiegen alles auf.

Das komplette Schweizer Rudel

Smilla schläft noch. Ruhig atmend liegt sie in ihrem Hundebett. Langsam nähert sich das Döggelchen Rico … Gaaaanz langsam zupft er an der Decke auf der sie ruht. Nun, mit der Ruhe sollte es bald vorbei sein. Denn als der kleine Doggen-Wookiee einen Zipfel der Decke ergattert, zieht er daran. So heftig, dass die hübsche Smilla davon wach wird. Sogleich springt sie auf und startet das morgendliche Ritual zwischen den beiden: Fröhliches Deckenzerren.

Noch ahnt Smilla nichts...

Unter den teils konsternierten Blicken der anderen Hunde spielen und toben die beiden, was das Zeug bzw. was die Decke (aus)hält. Keiner mischt sich ein. Das ist eben ihr gemeinsames Ding. Jedes Mal entlockt es mir ein Lächeln – mehrere Hunde bedeutet halt mehr Spaß.

Aber es bedeutet eben auch mehr Verantwortung und Aufmerksamkeit. Abends auf der Couch dann ist es ganz anders: Rico und Smilla liegen dicht beieinander. Po an Po. Aber dann bewegt sich das Döggelchen ein wenig – nur seine Hinterpfote, mehr nicht. Aber es reicht schon: Sogleich springt Smilla wuffend auf und beschwert sich (die junge Dame hat was dagegen, wenn man ihren Hintern im Schlaf berührt). Daraufhin gefriert Rico augenblicklich zur Statue, wagt es nicht sich zu bewegen. Nur sein Blick spricht Bände: „Was‘n los? Warum zickt das Weibchen jetzt wieder rum? Hab‘ doch nur meine Pfote um einen Zentimeter bewegt …“

Knutschi!
Sie verstehen sich im Gegensatz zu uns felllosen Primaten der Gattung Mensch auch ohne Worte. Alleine das Beobachten der Kommunikation zwischen den Hunden ist eine wahre Freude. All diese Nuancen der Blicke, der Mimik, der Körpersprache. Und bei mehreren Hunden kann man es den ganzen Tag über genießen und nicht nur bei den punktuellen Zusammentreffen beim Gassigang. Doch im Gegensatz zu einem Einzelhund erfordert so ein Rudel schon ein gewisses Austarieren der unterschiedlichen Charaktere. Gegenseitiges Verständnis hilft da besonders! Und das gilt auch für das gegenseitige Verstehen zwischen den Hunden. Wie sie sich gegenüber den anderen verhalten, wie sehr sie die momentane Stimmungslage des jeweils anderen zuerst „verstehen“ und dann am besten auch respektieren, umso reibungsloser läuft das Rudelleben.

Auf der "Liebesbank"

Wichtig für das gegenseitige Verstehen ist da aber selbstverständlich auch das Verhalten der menschlichen Partner. Denn sie sind es vor allem, an denen sich die Hunde orientieren. Dabei gilt es besonders die richtige Rudelbalance aufrecht zu erhalten. Da sind mir mehrere Stichworte wichtig:

Fairness
So individuell ich auch jeden Hund unseres Rudels behandle, schließlich hat jeder so seinen eigenen Kopf, seinen individuellen Charakter, sein diverses Temperament, seine unterschiedliche Tagesform und seine persönliche Vorlieben; so gleich versuche ich meine Aufmerksamkeit aufzuteilen und alle Regeln gelten für alle. So wichtig gerade Letzteres ist, so heißt das nicht, dass nicht mal der ein oder andere Hund gelegentlich eine Sonderrolle genießt (beispielsweise bei Krankheit oder Verletzung, oder aber einfach nur, weil er gerade was besonders Witziges gemacht hat). Hier kann man sich ebenfalls viel von den Hunden abgucken. Ich wundere mich (und zugegeben nicht ohne Stolz) jedes Mal, mit welchem „Gerechtigkeitssinn“ das Döggelchen Rico einschreitet, wenn es mal unter seinen Mädels zofft: Er bellt regelmäßig die an, die angefangen hat. 🙂

Balance
Hier meine ich nicht den Gleichgewichtssinn, den können Hunde eh besser auf einem Baumstamm trainieren; auch nicht die gerechte Futterverteilung (angesichts der Unterschiede zwischen den Hunden wäre das wohl auch eine falsch verstandene, eher menschliche Sicht von gerechtem Füttern – eventuell sogar mit medizinischen Konsequenzen wie Über- oder Untergewicht). Nein, vielmehr meine ich da das Ausbalancieren der unterschiedlichsten Temperamente und Stimmungen. Einfach damit es nicht zu „Spitzen“ kommt, so dass es nie zur Eskalation führt. Meiner Meinung nach unterschätzen da viele Halter noch die Wirkung ihrer eigenen Stimmung. Dabei können sie über die vielfach mehr Einfluss auf ihre Hunde nehmen als mit anderen Signalen. Ein Beispiel: Sind die Hunde besonders aufgedreht, bin ich meist sehr ruhig (was ich am besten durch meine Atmung beeinflussen kann), um sie nicht noch „aufzupeitschen“, ihnen ein Gegenpol zu sein und somit auch einen „Temperamentsanker“ zu bieten.

Regeln
Ob man sie nun mag oder nicht, aber das Zusammenleben mehrerer Individuen funktioniert nicht ohne Regeln. Das gilt für alle sozialen Wesen, die in Gruppen, Herden oder Rudeln leben. Und auch wenn es menschlich absolut verständlich ist, sich gegen einengende Regeln zu wehren, so darf man nicht vergessen, dass diese menschliche Revoluzzer-­Denke in dieser Form Hunden fremd sein dürfte. Sie sehen darin nichts Negatives, im Gegenteil, sie geben ihnen Orientierung und somit auch Verlässlichkeit.

Es wären noch viele weitere wichtige Punkte zu nennen, wie beispielsweise die Kommunikation, die Empathie oder einfach nur die Beachtung der unterschiedlichen Altersstufen etc. Wichtiger ist aber, sich aller Unterschiede bewusst zu sein – und sie auch zu genießen! Gerade dieses Individuelle unserer Hunde macht es ja aus. Das sollten sie auch ausleben dürfen. Daher plädiere ich immer wieder dafür: Unterdrücke nie die Individualität deiner Hunde! Und ja, mehr Hunde bedeutet auch mehr Arbeit und vor allem auch mehr Aufmerksamkeit, man hat nie wirklich seine Ruhe als Mensch (was ich seltsam finde, da man ja den Hunden durchaus auch ihren temporären Rückzug gönnt, aber ich habe es bisher nicht geschafft, dem Döggelchen zu erklären, dass auch ich mal meine Rückzugszeit brauche, seitdem wir im Rudel leben). Aber am Ende des Tages wird man auch viel häufiger durch Lachanfälle belohnt.

Bei dem Kontaktliegen, wer braucht da noch eine Decke...


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